Zurück

Tatiana: Den Kreislauf der Gewalt durchbrechen

Teilen

Tatiana

Den Kreislauf
der Gewalt
durchbrechen

Tatiana

Den Kreislauf
der Gewalt
durchbrechen

T

atiana aus Guatemala setzt heute alles daran, damit ihre Tochter in einer Welt ohne Gewalt aufwachsen kann. Jahrelang erlebte sie selbst Misshandlungen durch ihren Partner. Als sie die Übergriffe bei der Polizei meldete, wurde sie abgewiesen. Doch Tatiana gab nicht auf. Gemeinsam mit IJM kämpfte sie für Gerechtigkeit, um den Kreislauf der Gewalt zu beenden – für eine Welt, in der Frauen und Kinder in Sicherheit leben können.

Tatiana wuchs in Armut auf. Schon als Kind erlebte sie sexualisierte Gewalt. Erfahrungen, die tiefe Spuren hinterliessen. Erst als Erwachsene fand sie Anschluss bei Mi Historia Importa (dt.: Meine Geschichte zählt), eine von IJM initiierte Aktivistinnen-Gruppe für Betroffene von Gewalt.

Dort begegnete sie Frauen, die Ähnliches erlebt hatten. Zum ersten Mal fand sie Unterstützung. Sie verstand, dass sie Rechte hatte, und dass Gewalt nichts ist, was man einfach hinnehmen muss. Erfahrungen, die für Tatiana lebenswichtig werden sollten.

Die Gewalt kehrt zurück – zuhause

Einige Jahre später kam Tatianas Tochter Mía mit einer schweren Hirnschädigung zur Welt, verursacht durch Komplikationen bei der Geburt. Die Ärzte erklärten, Mía werde vermutlich nie laufen oder sprechen und keine lange Lebenserwartung haben.

Von da an endete Tatianas bislang so geborgenes Leben mit ihrem Partner: „Zuerst hat er uns beide sehr unterstützt. Aber als Mía ins Krankenhaus musste, begann die Gewalt und seine Familie gab mir die Schuld an Mías Zustand,“ erinnert sich Tatiana.

Ihr Partner verfiel dem Alkohol. Er begann Tatiana zu demütigen, zu beschimpfen und zu schlagen.

Zwei Jahre lang ertrug Tatiana die Übergriffe, weil sie glaubte, es sei wichtig für Mia, ihren Vater in der Nähe zu haben. Doch eines Nachts eskalierte die Situation.

„Er riss die Haustür heraus, stürmte herein und schlug mir mit Gläsern ins Gesicht“, erinnert sich Tatiana. Die zweijährige Mía stand zwischen ihren Eltern. „Bis dahin dachte ich, sie verstehe nicht, was geschieht. Aber sie stellte sich zwischen uns und drängte ihn von mir weg.“

Kein Schutz für Tatiana und Mía?

In diesem Moment wurde Tatiana klar, dass ihre Tochter nicht länger in einer Umgebung von Gewalt aufwachsen konnte. Sie erinnerte sich daran, was sie bei Mi Historia Importa gelernt hatte. Zusammen mit Mía flüchtete sie zur lokalen Polizeistation und hoffte dort auf Hilfe und ihr Recht. Doch ihre Hoffnung wurde enttäuscht.

„Weil ich nicht blutete, schickten sie mich einfach weiter zu einem Richter irgendwo im Ort“, erzählt Tatiana.

Hunderte Gewalttaten gegen Frauen und Kinder werden täglich in Guatemala gemeldet – doch nur in wenigen Fällen werden Täter verurteilt. Diese Straffreiheit macht Gewalt alltäglich: Fast 4 von 10 Frauen in Guatemala erleben mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt. Ein Kreislauf, der sich immer weiter fortsetzt – oft über Generationen hinweg.

Auch Tatianas Partner wäre straffrei geblieben – und gefährlich für Tatiana.

Wo Recht gilt, wächst Gerechtigkeit

Verzweifelt wandte sie sich an IJM. Unser lokales Team reagierte schnell und begleitete sie zu MAIMI und dem Instituto De La Victima - spezialisierten staatlichen Krisenzentren für Frauen, die IJM mit aufgebaut und geschult hat. Dort erhielt sie endlich psychologische Unterstützung und ihr Fall wurde traumasensibel aufgenommen.

Ein Jahr lang lebte Tatiana weiterhin in Unsicherheit, weil Mías Vater untergetaucht war. Aber IJM und unsere staatlichen Partner blieben an ihrer Seite, mit anwaltlicher Unterstützung und psychologischer Betreuung.

Dank ihrer Aussage wurde der Täter gefunden und vor Gericht verurteilt. Ein Urteil, das über ihren eigenen Fall hinauswirkt – weil es zeigt, dass Gewalt nicht folgenlos bleibt.

„Der vorsitzende Richter hatte rechtsgültig anerkannt, was ich erlitten habe“, sagt Tatiana. „Er hat dafür gesorgt, dass der Täter zugeben musste, welches Leid er mir zugefügt hatte, und dass er dafür Verantwortung übernehmen und sich entschuldigen musste.“

Engagierte Unterstützerinnen und Unterstützer von IJM haben das möglich gemacht. So konnte Tatiana die Gerechtigkeit erhalten, die ihr zusteht. Daraus schöpft sie die Freiheit, um sich und ihrer Tochter Mía ein neues Leben ohne Gewalt aufzubauen.

Neuanfang für Veränderung

Als hingebungsvolle Mutter bringt Tatiana Mía heute aus ihrem Heimatort in die Hauptstadt zum Schwimm- und Lauftraining. Denn das kleine Mädchen, das aufgrund seiner Hirnschädigung niemals laufen oder sprechen sollte, ist inzwischen das jüngste Mitglied im paralympischen Leichtathletik-Team in Guatemala-Stadt.

Als Aktivistin bei Mi Historia Importa setzt sich Tatiana heute öffentlich dafür ein, dass auch andere Betroffene von Gewalt Gerechtigkeit und Schutz erfahren – zuletzt vor dem Vizepräsidenten von Guatemala.

Mit ihrer eigenen Geschichte macht sie sich stark für ein Rechtssystem, das nicht nur die Herausforderungen von Frauen und Kindern in Armut versteht. Sondern das mit Mitgefühl handelt und Betroffene traumainformiert unterstützt, wenn sie den Mut haben, Gerechtigkeit zu suchen. Für Veränderung, die bleibt und eine Zukunft in Sicherheit:

„Ich habe sexuelle und häusliche Gewalt erlebt und überlebt. Aber ich bin auch Mutter eines bezaubern­den 5-jährigen Mädchens, die in einer besseren Welt aufwachsen soll. Deshalb nutze ich meine Stimme, um für ihren Schutz und den Schutz aller unserer Kinder zu kämpfen.“

Gemeinsam mit Polizei und Justiz arbeiten wir an konkreten Fällen von Gewalt gegen Frauen. Deine Spende gibt Betroffene wie Tatiana Rückhalt: Sie ermöglicht eine traumasensible Begleitung uns sorgt dafür, dass ihre Fälle von der Anklage bis zum Urteil wirkungsvoll bearbeitet werden können.

Das könnte dich auch interessieren…

Mehr
Alice ist eine Rechthaberin

Alice aus Uganda hat jahrelang in ihrer Ehe Gewalt erfahren. Doch IJM konnte ihr helfen, ihr Recht durchzusetzen und Gerechtigkeit zu finden. Heute teilt sie ihre Geschichte mit anderen betroffenen Frauen. Denn wie Alice haben auch sie das Recht auf ein Leben frei von Gewalt. Alice will ihnen Mut machen, sich zu befreien und trotz aller Herausforderungen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Jede Geschichte zählt: Zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen braucht es Behörden und Zivilgesellschaft

Allzu oft werden Gewalttaten an Frauen immer noch als Einzelschicksale betrachtet, statt als Ausdruck geschlechterspezifischer Gewalt, wie sie weltweit Frauen täglich erleben. Der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November ist ein wichtiger Tag, um betroffenen und ermordeten Frauen zu gedenken, mit Aktionen auf das Ausmaß von Gewalt an Frauen aufmerksam zu machen sowie politische Forderungen zu stellen, um Veränderung zu erreichen. Denn jede Geschichte zählt, so wie die von Debiee* aus Guatemala, die mehrfach sexualisierte Gewalt überlebt hat.


Sarah: "Ich kenne meine Rechte!"

Monatelang wurde Sarah aus Uganda von ihrem gewalttätigen Partner schwer misshandelt. Als sie ihn bei der Polizei melden wollte, sagten ihr Freunde und Verwandte, dass es sich nicht gehöre, ihren Mann anzuzeigen. Doch Sarah kämpfte gegen alle Widerstände für ihr Recht, in Sicherheit und Würde zu leben.

Geschlechterbasierte Gewalt: Wie wir den Zyklus durchbrechen können

Das globale Bewusstsein für die riesige Herausforderung, die Gewalt gegen Frauen und Kinder nach wie vor darstellt, wächst. Denn Übergriffe auf Frauen und Kinder sind allgegenwärtig, gar ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft, der zu massiver Benachteiligung führt. Doch wie lässt sich eine Gesellschaft, an der Frauen und Mädchen gleichberechtigt teilhaben und gestalten können, unter diesen Umständen verwirklichen? Und wie entscheidend sind Konzepte wie “Befreiung” und “Nachsorge”?

Spende jetzt!