Im April 2026 reiste eine Gruppe unserer Unterstützenden auf die Philippinen, um vor Ort konkret die Arbeit von IJM im Kampf gegen sexuelle Online-Ausbeutung von Kindern kennenzulernen: in Schutzräumen, bei Ermittlungsbehörden, in Trainings für Strafverfolgung und im Gespräch mit Betroffenen, die sich heute selbst für den Schutz von anderen einsetzen.
In ihrem Reisebericht schildert Lena Exner, Fachreferentin für Philanthropie und Partnerschaften bei IJM, ihre bewegenden Eindrücke von entschlossener Zusammenarbeit und der wachsenden Hoffnung, dass globale Verbrechen durch globale Verantwortung und Zusammenarbeit wirksam bekämpft werden können.

⚠️ Triggerwarnung:
Der folgende Text befasst sich mit Inhalten zu der sexuellen Online-Ausbeutung von Kindern.
Zwischen Schutz und Schwere
Es sind 35 Grad in Metro Manila, feuchte Luft, dichter Verkehr, in
einer Stadt, die selten zur Ruhe kommt. Wir fahren durch ein hohes
Gittertor und kommen auf ein 3-stöckiges, einfaches Schutzhaus für
„missbrauchte, verlassene und vernachlässigte Kinder“ zu, das derzeit 93
Kinder beherbergt. Matratzen liegen aufeinandergestapelt in einem
Schlafsaal für Jungen, die teils noch keine 3 Jahre alt sind.
Ein
minimaler Luftzug dringt durch die mit Gittern versehenen Fenster nach
innen. Der Nebenraum ist für psychosoziale Begleitung gedacht, Kinder
habe ihre gebastelten Dinge in einem Regal voller Stolz ausgestellt,
eine Wand weiter hängen kleine Schmetterlinge an der Wand mit Wünschen
für ihr Leben.

Unten im Erdgeschoss wird derweil gesungen, der Gesang trägt Hoffnung in diese bedrückende Atmosphäre. Externe Partnerorganisationen gestalten einige Nachmittage in der Woche ein Programm für die Kinder. Und beim schnellen Vorbeigehen erhasche ich einen Blick hinein. Die Kinder haben Freude, sie geniessen das gemeinsame Singen.
Ich frage mich jedoch, wie ein Kind die Kraft finden soll, aus dieser Situation gut herauszukommen. Es scheint mir ein sehr langer Weg zu sein.
Ein globales Verbrechen mit realen Folgen
Im Verlauf der Woche treffe ich nach und nach die Menschen, die diesen Kindern Hoffnung geben. Die all ihre Expertise dafür einsetzen, dieses globale Verbrechen namens OSEC (Online Sexual Exploitation of Children; dt.: sexuelle Online-Ausbeutung von Kindern) zu bekämpfen, das inzwischen bereits allein 500.000 Kinder auf den Philippinen betrifft.
Die Täter/-innen sitzen dabei sowohl auf den Philippinen als auch in westlichen Ländern – und die Schweiz und Deutschland ist sind vorn dabei. Laut Bundesinnenminister Alexander Dobrindt gilt Deutschland als Nachfrageland Nr. 2 für OSEC. In Livestreams gewöhnlicher Messengerdienste werden Kinder vor einer Webcam zu sexuellen Handlungen gezwungen. Häufig von engen Verwandten – immer für Fremde, die dafür bezahlen, aus der Ferne dabei zuzusehen und den Missbrauch im Chat anzuleiten.

„No touch means no harm“ (etwa: „Ohne Berühren entsteht kein Schaden“) scheint die verbreitete Meinung unter Täter/-innen zu sein. Doch alle bisher befreiten Kinder berichten von schweren Traumata, die jahrelange Aufarbeitung brauchen. Zudem wird der einzig vertraute Raum, das Zuhause, zum Ort des Verbrechens.
„Der angerichtete Schaden wird als normal hingenommen, aber das Trauma ist real“, berichtet eine der Betroffenen, die wir in der Woche treffen. Sie macht betroffenen Kindern Mut, einen Anfang zu machen: „Macht den ersten Schritt, öffnet euch, fasst den Mut dazu. Damit beginnt Gerechtigkeit.“
Wenn Rechtssysteme Verantwortung übernehmen
Es braucht ein ganzes Dorf oder besser gesagt eine globale Gemeinschaft, um dieses Verbrechen effektiv einzudämmen. Auch die Europäische Union trägt an dieser Verantwortung mit.
Magnus Brunner, EU-Kommissar für Inneres und Migration, brachte es Mitte April 2026 auf den Punkt: „Wir alle haben viel zu lange darauf gewartet, dass die Gesetzgebung nachzieht, dass die Institutionen Verantwortung übernehmen, und dass Bilder entfernt werden – jedes Gesetz, das wir verabschieden, jeder Euro, den wir bereitstellen, und jede Position, die wir einnehmen, muss dieser Tatsache und den Betroffenen gerecht werden.”

Seit 10 Jahren arbeitet IJM auf den Philippinen daran, Strafverfolgung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft im Kampf gegen dieses weltweite Verbrechen zu einen. Welcher Grad an Institutionalisierung dort bereits in diesen ersten Jahren des Programms erreicht wurde, ist mehr als beeindruckend.
Gemeinsam mit Partnern aus Regierung und Strafverfolgungsbehörden hat IJM die Verbrechensbekämpfung in landesweite Lehrgänge zur Ermittlung und Aufklärung von OSEC-Fällen integriert, politische Mittel vervielfacht und weitere Gesetzesänderungen zum effektiven Schutz von Betroffenen auf den Weg gebracht.
„Ihr müsst schneller sein, ermitteln, stichhaltigere Beweise sammeln und mehr kooperieren. Greift zum Hörer, schreckt nicht davor zurück, Erkenntnisse zu teilen. Jedes Kind zählt“, ermahnt und ermutigt der Staatssekretär des Justizministeriums (Bild oben) die Trainingsgruppe an Richter/-innen, Staatsanwält/-innen und Ermittler/-innen, die soeben ein einwöchiges Simulationstraining zur Aufdeckung und effektiven Verfolgung von OSEC absolviert hat. Die Stimmung ist entschlossen, voller Tatendrang.

Stück für Stück wächst Hoffnung in mir.
„Wir wissen, dass es funktioniert. Es ist machbar. Wir müssen einfach weitermachen“, sagt ein IJM Ermittler. Seine Arbeit wirkt auf mich, als könnte er in einem Hollywood-Thriller Verbrecher im Netz jagen. Nur macht er es im richtigen Leben.
Einmal pro Woche treffen sich das US-amerikanische FBI, das deutsche Bundeskriminalamt und weitere internationale Strafverfolgungsbehörden im Women and Children Protection Center (philippinische Behörde zum Schutz von Frauen und Kindern), um Hinweisen nachzugehen und Informationen auszutauschen. Man arbeitet zusammen, will Kinder schneller finden. Alle sind an Bord.
Dort sehe ich eine Wand mit selbst gebastelten Briefen – Ermittler/-innen sammeln dort Zeilen der Ermutigung, die sie antreiben, diese mühsame Arbeit voranzubringen. Basteln scheint hier allen zu helfen, Kindern wie Ermittler/-innen, mit der teils untragbaren Schwere der Fälle umzugehen.

Die Philippinen sind auf einem guten Weg. Was die Verantwortung westlicher Länder angeht, kann man nur hoffen, dass sich Politiker/-innen in derzeitigen Verhandlungen ernsthaft genug mit dem Thema Kinderschutz im Netz beschäftigen.
Echter Schutz kann nur gemeinsam gelingen
„Wir errichten Zäune um unsere Häuser, unsere Schulen und unsere wertvollsten Besitztümer. Warum haben wir keine Zäune, die unsere Kinder im Internet schützen?“, fragt zurecht ein Ermittler des Koordinierungszentrums für die Ermittlung von Cyberkriminalität CICC.
Das bleibt bei mir nach diesen Tagen hängen. Was IJM auf den Philippinen in der Bekämpfung von OSEC bereits geschafft hat, macht Mut für alle anderen Projekte, die IJM derzeit weltweit startet und vorantreibt. Es gibt Hoffnung, auch über die Philippinen hinaus Ausbeutung und Cyberkriminalität bekämpfen zu können.
Nun müssen die EU und die Schweiz ihre Rollen in diesem Wettlauf gegen globale Verbrechensstrukturen finden, alles andere wäre unserem sonstigen Fortschritt unwürdig. Es kann nur gemeinsam gelingen.

„Die Gewalt endet mit uns“, sagt Tina vom Philippine Survivor Network, einer Gruppe von Betroffenen – initiiert von IJM – die sich heute öffentlich als Aktivistinnen und Aktivisten für den Schutz anderer stark machen. Recht soll sie behalten.
Gemeinsam mit den philippinischen Behörden arbeiten wir daran, Kinder vor der sexuellen Online-Ausbeutung zu schützen und Täter/-innen zur Rechenschaft zu ziehen. Mit deiner regelmässigen Unterstützung können wir Gemeinschaften aufbauen, in denen alle Kinder Schutz erfahren und eine Zukunft in Sicherheit erleben.
Fotos im Bericht: Alexander Chouzanas/IJM Deutschland
Titelfoto: International Justice Mission