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Wenn wir es einfach tun würden
Wenn wir es einfach tun würden
"Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.11 Und der Herr wird dich immer dar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne“. Jesaja 58,8
Liebe Brüder und Schwestern. Es sind gigantische Verheißungen, die uns in diesen Versen aus Jesaja Kapitel 58 begegnen. Verheißungen, von denen man als Christ eigentlich nur träumen kann. Wie oft geht es uns so, dass wir das Gefühl haben, wir rufen und rufen zu Gott und er antwortet nicht. Wie schwer leiden wir an den Wunden, die wir in unserem Inneren so lang schon mit uns tragen und sehnen uns nach Heilung. Wie sinnlos erscheint uns so manches Mal unser Einsatz und all unser Engagement für Gott, weil die Lücken einfach weiterhin auseinanderklaffen und die Wege eben nicht besser werden, sondern holprig zu bleiben scheinen. Wie ratlos stehen wir an so manchen Weggabelungen unseres Lebens und erhoffen uns klare Führung von Gott, und leben trotzdem ständig in Angst, letztendlich doch die falschen Entscheidungen im Leben getroffen zu haben. All dies sind Erfahrungen, die uns nicht unbekannt sind als Christen und die uns in unserem Glaubensleben oft entmutigen und ermüden.
Und in diese Müdigkeit, in diese Resignation des Glaubens spricht Gott in Jesaja 58, dass er um diese zermürbenden Erfahrungen in unserem Leben weiß. Er macht uns deutlich, dass er uns sieht und hört, wenn wir zu ihm rufen, ihn fragen, fasten, beten, uns demütigen vor ihm, seine Nähe suchen und nach seinen Wegen fragen. All unser Tun und Suchen sind ihm nicht verborgen. Aber es gibt einen Grund, weshalb all unser Mühen und Ringen und Suchen nach Gott keine Früchte tragen. Und der Grund dafür ist bestechend einfach und Gott bringt ihn glasklar in den folgenden Versen zur Sprache:
Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat? 6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Jesaja 58,3b–7
Das sind keine hochkomplexen, theologischen Ausführungen, die einem Laien-Christen erst erklärt werden müssten. Es sind auch keine Worte, die in ihrer Mehrdeutigkeit einer fachkundigen Interpretation bedürften. Sondern gerade im Hinblick auf Jesaja 58 verhält es sich wohl so, wie der amerikanische Schriftsteller Mark Twain es einmal ehrlich auf den Punkt gebracht hat: »Ich habe keine Schwierigkeiten mit dem, was ich in der Bibel nicht verstehe. Probleme machen mir die Stellen, die ich sehr gut verstehe.« Diese klaren Worte aus Jesaja 58 bereiten uns Kopfzerbrechen, gerade weil wir ihre Bedeutung (und somit auch ihre Konsequenzen) so unmissverständlich und deutlich verstehen können. Religiöse Rituale, so fromm sie auch sein mögen, sind nicht der Weg, auf dem unsere Stimme bei Gott erhört werden kann. Sondern wonach Gott kompromisslos verlangt, ist, dass unser Fasten Gestalt gewinnt in der Realität – und zwar nicht in Sack und Asche und äußerlichen Bußhandlungen, sondern in dem Beenden des Unrechts, das durch uns tagtäglich an unserem Nächsten geschieht. Es sind konkrete Anweisungen, die Gott hier gibt. Anweisungen, die keiner weiteren Auslegung bedürfen.
Und wir merken: Nicht unser Verstehen ist hier herausgefordert und gefragt, sondern der schlichte Gehorsam dem Wort und Gebot Gottes gegenüber. Und darin liegt wohl auch unsere größte Wunde verborgen, die manche von uns vielleicht schon unser ganzes Christenleben plagt: das Auseinanderdriften von dem, was wir wissen und dem, was wir leben. Das Uneins-sein von unserem Kopf und Herzen. Unser Alltag als Christen mag geprägt sein von frommen Gesten, Opfern und Ritualen. Solange wir nicht die Gerechtigkeit Gottes in unsere Mitte tun und unseren Alltag am Recht Gottes gestalten, bleiben all diese frommen Opfer und Rituale nur Äußerlichkeiten und Gewohnheiten, die keinerlei Kraft und Tiefe entfalten.
2 Sie suchen mich täglich und begehren seine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gotts ich nahe. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen? Jesaja 58,2–3
Wir beten und rufen und fordern wie Menschen, die Gerechtigkeit üben und das Recht ihres Gottes nicht schon längst verlassen haben. Und Gott legt seinen Finger auf unsere Wunde und lässt Jesaja aus voller Kehle hinausrufen (58,1): Es ist nicht Gott, der uns und unsere Mühen ignoriert und uns müde macht, sondern unsere eigene Abtrünnigkeit und Sünden.
Gott nennt in V.6f ungeschminkt ein Fasten an dem er Gefallen hat. Nicht ein Fasten, das unsere eigene Frömmigkeit und religiösen Vorstellungen befriedigt und beruhigt, sondern das wonach er sich sehnt:
Lass los, die du mit Unrechtgebunden hast, lass ledig, auf die du das Jochgelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Jesaja 58,6–7
Und all diese Aufforderungen, die Gott an uns richtet, haben nichts mit Werkgerechtigkeit zu tun, wonach wir unser Heil mit unseren Leistungen selbst verdienen müssten oder könnten, sondern es hat fundamental etwas zu tun mit der Beziehung zu Gott, mit der Liebe. Denn die Liebe sucht von ihrem Wesen her immer das, was dem geliebten Menschen dient und nicht mir. Sie fragt nicht nach dem, was mir gefällt, sondern woran die geliebte Person Gefallen findet.
Und so spricht uns Gott auch zu: Wenn wir diese Beziehung zu Gott ernst nehmen in unserem Leben, dann wird der Herr uns leiten und auch in Schwierigkeiten unsere Seele sättigen und unsere Gebeine stärken. Wie ein bewässerter Garten werden wir dürstende Menschen zu uns ziehen. Wie eine Wasserquelle, die nicht versiegt...Menschen werden wir sein, die aufbauen und aufrichten, Breschen schließen und Wege wiederherstellen. Das ist unsere Berufung und Bestimmung und auch unsere Sehnsucht.
Es ist jedoch eine Sehnsucht, die angesichts der immensen Not in dieser Welt schnell einer tiefen und lähmenden Angst vor Überforderung weichen kann. Diese Sehnsucht nach dem, was Gott in uns hineingelegt hat, kann nur dann wachsen und uns zum Handeln bewegen, wenn das grundlegende und kindliche Vertrauen in Gottes Fürsorge und Allmacht unseren Blick bestimmt und nicht in erster Linie die Not oder das eigene Ich, das mit dieser Not konfrontiert wird. Wenn der in sich gekrümmte und dadurch immer auf sich selbst bezogene Mensch seinen Blick nur auf sein eigenes Ich und die eigenen Möglichkeiten legt, dann verliert er seinen Nächsten aus dem Blickfeld und kreist ständig nur um sich selbst und um das, was er anscheinend alles leisten sollte und nicht kann. Die schier unüberwindbare Masse der Not um uns herum lässt uns abstumpfen gegenüber der Not unseres Nächsten und die Hoffnungslosigkeit lässt unsere Sehnsucht und Liebe erkalten und unser Herz hart werden.
Das ist unsere Sünde: dass wir abtrünnig werden von diesem Gott, der uns und unseren Nächsten helfen kann und will. Nicht durch die eigene Frömmigkeit oder Moral, auch nicht durch die Entschlossenheit unseres Willens soll unser Handeln bestimmt sein, sondern in erster Linie dadurch, dass wir demjenigen vertrauen, der in seiner ewigen Barmherzigkeit nicht nur die Schwachheit und das Verwundete der anderen sieht und anspricht, sondern sich mit dem gleichen Erbarmen auch unserer Schwächen und Wunden, unserer Verfehlungen, Versagen und Schuld annimmt. Nur in dem Wissen und Vertrauen auf diesen Herrn und sein Erbarmen ist es uns möglich, Not zu sehen und zu lindern, für die Befreiung der zu Unrecht Gefangenen zu kämpfen, mit Hungrigen unser Brot zu teilen und gebeugte Seelen zu sättigen.
Das Faszinierende an Jesaja 58 ist, dass die Worte Gottes dem Hörer eines unmissverständlich deutlich machen:
Nicht die Angst soll uns leiten, sondern die Verheißungen, die Gott uns mit der größtmöglichen Klarheit und Bilderpracht zuspricht:
Wie Morgenröte wird unser Licht hervorbrechen und aufgehen in der Finsternis, vor uns wird die Gerechtigkeit Gottes herziehen und seine Herrlichkeit unsern Nachhut bilden. Bewässerte Gärten und Wasserquellen werden wir sein, uralte Trümmerstätten sollen aufgebaut und Grundmauern sollen wieder durch uns aufgerichtet werden. Auf unser Rufen wird Gott antworten und wenn wir um Hilfe schreien, wird Gott sagen: Hier bin ich ... . Es ist, als ob Gott alles auftischt, was er auftischen kann, um uns vor Augen zu halten, was diejenigen erwartet, die dem Herzensanliegen Gottes im einfachen und kindlichen Gehorsam folgen: Gerechtigkeit üben, am Recht Gottes als Lebensweg festhalten, unterdrückten Menschen zur Freiheit verhelfen, den Elenden Abhilfe schaffen, das Brot mit Hungrigen teilen, aus unserer Mitte das niederdrückende Joch, das Fingerzeigen auf andere und das böse Reden abschaffen. Es sind Gebote Gottes, die allen Menschen ein gutes und freies Zusammenleben als geliebte und wertgeschätzte Geschöpfe Gottes ermöglichen und erhalten. Jesaja 58 gehört zu den Texten in der Bibel, auf die ich immer wieder zurückkomme... schon mein ganzes Leben lang. In meiner Müdigkeit und Mittelmäßigkeit meines Glaubens. Es sind Worte, die für mich wie eine Öffnung sind, durch die ich hinausschauen und hineinblicken darf in die Weite, in das Helle, in die heilende Freiheit, die das Evangelium in sich trägt und die für jeden gilt, der sich nach dieser Freiheit sehnt.
Und mehr als nur einmal habe ich mich gefragt: Was wäre, wenn ich einfach, ganz kindlich ohne groß darüber nachzudenken und meine Situation abzuwägen einfach mal tun würde, was Jesaja 58 sagt? Nicht immer nur im Fragen und Analysieren von Pro und Kontra stehen - und steckenbleiben, sondern im einfältigen Gehorsam meinen Fuß tatsächlich aus dem Boot auf das Wasser setzen würde... würde ich dann erfahren können, wie es sich anfühlt, auf dem Wasser zu laufen? Würde ich erfahren, dass das, was mir in meiner Situation mit meinem kleinen Glauben so unmöglich erscheint, mit meinem Gott doch möglich werden kann, dass Gefangene und Unterdrückte befreit, Hungrige gesättigt, Elenden geholfen, Nackte gekleidet, Verletzte geheilt und für Heimatlose eine Heimat gefunden werden kann?
Der einzige Weg dies herauszufinden wird wohl nur darin bestehen, ihn einfach mal zu gehen. Im Vertrauen auf den Gott, der – so wie Bonhoeffer sagt – nicht alle unsere Wünsche, aber immer alle seine Verheißungen erfüllt.
Amen.