Was würde die Liebe tun?

Was würde die Liebe tun?

Daniel Rentschler

Leiter für Gemeinde- und Bildungsarbeit IJM Deutschland e.V.,
Pastor der Citychurch Ulm

WAS MACHT UNS ALS CHRIST AUS?

Was macht ein Christ zu einem Christen? Was macht eine Christin zu einer Christin? Mit dieser einfachen Frage möchte ich die Predigt zum Sonntag für Freiheit eröffnen. Eigentlich eine ganz einfache Frage. Aber wie würden Sie diese, wie würdest du sie beantworten?

VERSCHIEDENE VORSTELLUNGEN

Wenn ich euch jetzt bitten würde, euch in 10er Gruppen zusammenzustellen, und jeder in einem Satz sagen könnte, was ein Christ ist, gäbe es pro Gruppe sicher 5–8 Antworten. Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was und wie ein Christ ist, bzw. zu sein hat. Manche dieser Antworten sind vielleicht Varianten voneinander, andere sind Ergänzungen – und manche scheinen sich vielleicht sogar zu widersprechen. Es scheint wie in anderen Gesellschaftsbereichen alternative oder konkurrierende Wahrheiten zu geben.

Diese Varianten sind Zeichen unserer unterschiedlichen theologischen Biografie. Je nach theologischer Prägung sind es unterschiedliche Themen, die wir für zentral und andere, die wir für nebensächlich halten.

Warum gibt es so eine Unschärfe in Bezug auf dieses Wort? Achtung – und jetzt kommt’s: Das Wort „Christ“ kommt in der ganzen Bibel nur dreimal vor. Und interessanterweise wird es nie als Selbstbezeichnung verwendet. Das Wort Christ war zuerst immer nur eine Fremdbezeichnung – also wenn andere über „die da“ sprechen, überdiese neue religiöse Sekte. Das sind doch „die Christen“. Christen haben sich in der Bibel nie selbst als Christen bezeichnet. Wenn das Wort auftritt, dann war es eher abwertend.

Heute nennen sich unzählige Menschen Christen – und verhalten sich auf ganz unterschiedliche Weise. Christen ziehen in den Krieg und berufen sich auf ihr Christsein, Christen sind überzeugte Pazifisten unter Berufung auf ihr Christsein, Christen wählen links und rechts, schwarz, rot, grün – alles unter Berufung auf das Christsein.

Der Punkt ist: Christsein ist in der Bibel komplett undefiniert und deswegen kann man sich hinter diesem Wort verstecken – mit so ziemlich jeder Meinung, die man hat. Jeder kann seine Vorstellungen hineinprojizieren.

JESUS SPRICHT VON JÜNGER

Jesus benutzt ein anderes Wort – und das ist sehr präzise definiert. Das Wort, das Jesus benutzt, ist das Wort „Jünger“. Dieses Wort, das wir mit Jünger übersetzen, bedeutet eigentlich „Schüler“ oder „Lernender“. Und damit sind nicht lustlose Schüler gemeint, die Mitte der dritten Stunde mal aufwachen, weil der Hunger zu groß wird. Nein, damit gemeint sind Menschen, die ihren Lehrer fragen: Wie würdest du in dieser Situation reagieren? Was soll ich tun? Ihre Antwort ist: Ganz egal, was er mir sagt, ich werde Ja dazu sagen. Er weiß so viel mehr als ich.

Ich bin überzeugt: Hätten sich alle Christen an diese eine Definition von Jünger gehalten, sähe unsere Welt heute anders aus.

Wie definiert Jesus das Wort Jünger? Die Situation unseres Textes aus Johannes 13,33–35 ist die Folgende: Jesus hat gerade mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert. Judas hat den Raum schon verlassen und ist auf dem Weg, Jesus zu verraten. Jesus sagt dann Folgendes:

Ihr Kinder, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Johannes 13,33

Meine Kinder – meine mir Anvertrauten – ich bin nur noch eine kurze Zeit da. Achtung, wir haben nicht mehr viel Zeit. Unsere gemeinsame Zeit, die zwei bis drei Jahre, die wir zusammen verbracht haben, die neigen sich jetzt dem Ende zu und wir haben kaum noch Zeit. Hört gut zu. Wir müssen uns beeilen, bevor noch einer geht und wir nur noch 10,9,8... sind.

IHR SOLLT EINANDER LIEBEN

Ihr werdet mich suchen. Und wie ich zu den Juden sagte, sage ich jetzt auch zu euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Johannes 13,33

Und garantiert war bei Petrus, der immer überall vorne mit dabei sein wollte, ein riesiges Fragezeichen im Gesicht. Wie, du gehst wohin? Warum können wir da nicht mit? Ich will aber mit. Er versteht nicht, dass Jesus von seiner Kreuzigung spricht – möchte aber unbedingt dabei sein.

Und dann sagt Jesus: Ein neues Gebot gebe ich euch, [...]Johannes 13,34

Ich gebe euch ein neues Gebot. Und jetzt wird es spannend – neue Gebote sind ja spannend. Er sagt:[...] dass ihr euch untereinander liebt, [...]. Dass ihr einander liebt.

Ich sehe da Jakobus sitzen, der denkt: „Äh, wie, Jesus? Das ist doch nicht neu. Das ist uralt. Das steht schon im Alten Testament. Du hast die letzten zwei Jahre von kaum was anderem gesprochen als von Liebe. Was ist daran so neu und wichtig?”

WIE ICH EUCH GELIEBT HABE

Und dann macht Jesus weiter: [...] wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.

Ihr sollt euch lieben, so wie ich euch geliebt habe. Genauso sollt ihr einander lieben.

Und jetzt wird es ernst.

„So wie ich euch geliebt habe. Wisst ihr noch, wie ich Matthäus geliebt habe, diesen Zöllner, der euch und eure Landsleute ausgenommen hat? Und wisst ihr noch, was wir gemacht haben, als er zu einem Nachfolger von mir wurde? Wir haben zusammen ein Fest gefeiert. Wisst ihr das noch?“ „Hm, ja Jesus. Du hast den einfach so angenommen.“ „Und wisst ihr auch noch, wer da auf dem Fest war?“ „Hm, ja, die Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben, mit solchen Leuten nicht abzuhängen.“ „Ja stimmt – wie habe ich euch und die geliebt? Wisst ihr das noch?“ „Ja, du hast die angenommen.“ „Und Nathanael, weißt du noch, wie ich dich geliebt habe? Erinnerst du dich noch an unsere erste Begegnung, als dein Bruder zu dir lief und dir gesagt hat: ‚Ich habe den Messias gefunden und er kommt aus Nazareth.‘ Weißt du noch, was du gesagt hast?“ Nathanael wird plötzlich ganz still – und die anderen Jünger fragen vermutlich: „Ja, was hast du denn gesagt?“

„Du hast gesagt: Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Du hast mich und meine ganze Familie beleidigt. Und ich? Ich habe dich in diese Gruppe hier hineingeliebt. Ich habe gesagt: Folge mir.

Genauso, wie ich euch geliebt habe, so sollt ihr einander, euch gegenseitig lieben.“

DIE LIEBE ALS IDENTIFIKATIONSMERKMAL

Weiter sagt Jesus Folgendes:

Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Johannes 13,35

Daran, dass ihr euch so liebt, werdet ihr als meine Jünger erkannt werden. Da ist es das Wort. Ihr werdet als meine Jünger erkannt werden.

Christsein mag sehr unscharf definiert sein, aber Jüngersein ist es nicht. Der Kernpunkt ist nicht, wie viel du in deiner Bibel liest, wie oft du betest, wie viel du spendest, wie regelmäßig du im Gottesdienst bist, nein! Das einzige Kriterium ist die Liebe zueinander. Das ist die Essenz von drei Jahren Lehre von Jesus. Darauf bricht er alles runter. Diese so simple Botschaft ist mit das Letzte, was er ihnen mitgibt. Darauf reduziert er alles. An eurer Liebe werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid. Die Leute werden euch nicht an eurer richtigen Theologie als meine Nachfolger erkennen, sondern an eurer Liebe zueinander. Wie ihr miteinander umgeht.

WAS WÜRDE DIE LIEBE TUN?

Stellt euch nur mal vor, wir würden uns darauf fokussieren. Nur darauf. Wie sehr könnten wir unsere Welt prägen und zum Positiven beeinflussen?

Was bedeutet das für uns heute am Sonntag für Freiheit?

Ich glaube, es läuft in unserem ganzen Leben auf die Frage hinaus: Was würde die Liebe tun? Was verlangt, was gebietet die Liebe in der und der Situation? Welche Antwort würde die Liebe geben, wenn ich sie fragen würde.

AGAPE LIEBE

Wenn ich hier von Liebe spreche, dann meine ich kein romantisches Gefühl! Wir müssen nicht romantische Gefühle aufbringen für die Nervkröten um uns herum. Liebe meint auch nicht nur einfach nett sein und sich alles gefallen lassen. Nein, wenn Jesus hier von Liebe spricht, dann steht im Griechischen das Wort Agape – und das meint die göttliche Liebe. Das besondere Kennzeichen dieser Art von Liebe ist, dass sie absolut selbstlos liebt. Sie liebt nicht aus Berechnung oder Eigennutz, sondern sie liebt den anderen, einfach weil er es wert ist, geliebt zu werden.

Und das gilt sowohl in deinem direkten Umfeld, in Bezug auf die Menschen, mit denen du tagtäglich zu tun hast, als auch darüber hinaus. Das gilt global. Denn es gibt Millionen Menschen die sich danach sehnen, dass jemand sie mit Agape-Liebe liebt. Es gibt Millionen Menschen, die darauf warten, dass jemand auftaucht und sie selbstlos liebt. Mitarbeiter der christlichen Menschenrechtsorganisation International Justice Mission (IJM) kommen tagtäglich in Kontakt mit diesen Menschen.

WIE IJM LIEBT – DIE GESCHICHTE VON JYOTI

Ein schwerer Start
Jyoti ist ein 17-jähriges Mädchen aus Indien. Sie hat nicht das Glück, in einer heilen Familie aufzuwachsen. Der Vater ist Alkoholiker, gewalttätig und hat sich hoch verschuldet. Um seine Schul-den abzubezahlen, verkauft er seine 13-jährigeTochter Jyoti in eine Zigarettenfabrik. Aber diese Fabrik ist kein guter Ort: Ausbeutung und sexuelle Belästigung sind an der Tagesordnung. Jyoti hält es dort nicht mehr aus und flieht. Aber das Problem ist: Wohin? Da steht das 13-jährige Mädchen in Mumbai, dieser Millionenmetropole und weiß nicht wohin. Sie sieht keinen Ausweg, sitzt an einem Busbahnhof und weint. Drei Frauen sehen, dass dieses Kind weint, und nehmen sich ihr an. Sie reden ihr gut zu und bekräftigen sie in ihrem Entschluss, nicht mehr nach Hause zurückzukehren.

Getäuscht und gefangen
Die eine der drei Frauen bietet Jyoti an, dass sie in der kleinen Fabrik ihres Bruders arbeiten kann – es ist kein toller Job, aber der Bruder sei ein guter Mensch. Jyoti freut sich, weil ihr jemand helfen will. Die Frauen bieten ihr Tee an. Als Jyoti wieder zu sich kommt – in dem Tee war Betäubungsmittel – findet sie sich nicht in einer Fabrik, sondern in einem Bordell wieder.
Jyoti ist schockiert. Sie will das nicht! Keine 13-Jährige möchte sich prostituieren. Aber weil es Menschen gibt, die bereit sind, für ein jungfräuliches Mädchen viel Geld zu bezahlen, wird sie über mehrere Wochen gefoltert, bis sie so gebrochen ist, dass sie „freiwillig“ ihren ersten Kunden empfängt. Dieser hat dafür ca. 500 € gezahlt. Nachdem sie keine Jungfrau mehr ist, sinkt ihr Marktwert rapide. Von nun an sind 15–20 Freier pro Tag normal. Man könnte auch sagen: 15–20 Vergewaltigungen.

Neue Hoffnung keimt auf
Vielleicht könnt ihr erahnen, was das mit einem Mädchen macht. Die Hoffnung auf ein normales Leben schwindet mit jedem neuen Kunden weiter. Eines Tages lernt Jyoti ein anderes Mädchen kennen, das auch zur Prostitution gezwungen wird. Diese erzählte ihr, dass sie mal von einem Gott namens Jesus gehört hätte. Sie wusste nicht viel darüber, nur dass er ein wirklich guter Gott sei.
Jyoti sagt sich dabei: Diesen Gott habe ich noch nicht probiert. Vielleicht kann er mir helfen. So betet sie: Jesus, wenn du mich hören kannst, dann hol mich hier heraus. Etwa ein Jahr später kommt ein verdeckter IJM Ermittler in dieses Bordell. Er hat Beweise für die Zwangsprostitution von Minderjährigen gesammelt und führt mit den örtlichen Behörden eine Razzia durch. Jyoti und die anderen Mädchen können befreit werden. Ein Team von Therapeuten und Nachsorge-Spezialisten begleiten sie auf dem Weg der Heilung.

LIEBE BRINGT FREIHEIT

Jyoti hat darauf gewartet, dass ihr jemand mit Agape-Liebe begegnet, jemand, der etwas riskiert, um ihr selbstlos zu dienen, damit sie das Leben führen kann, das Gott für sie im Sinn hatte, als er sie geschaffen hat. Wie Jyoti gewartet hat, so warten heute 40 Millionen Menschen in Sklaverei darauf, dass Jünger und Jüngerinnen auftauchen und sagen: Ich liebe dich. Und ich stehe an deiner Seite. Ich kämpfe mit dir um Freiheit.

In der ganzen Menschheitsgeschichte gab es noch nie so viele Menschen in Sklaverei wie heute. Die Frage ist: Wo sind die Jünger und Jüngerinnen, die nicht nur das Richtige glauben, sondern auch das Richtige tun?

OHNE LIEBE UND GERECHTIGKEIT IST ALLES ANDERE WERTLOS

Ich möchte hier nicht das eine gegen das andere ausspielen, nicht unser Christsein, wie wir es leben und erleben durch Gottesdienste, Hauskreise, Bibellesen gegen tätige Nächstenliebe ausspielen. Gott selbst sagt jedoch immer und immer wieder in der Bibel, dass wenn wir nur das eine tun, wenn wir nur die religiösen Rituale vollziehen, so gut und wichtig sie auch sind, dann verpassen wir ganz Wesentliches. So sagt er zum Beispiel durch den Propheten Amos: Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Amos 5,21-24

Gottesdienste, Lobpreis sind an sich gute Dinge, aber wenn wir gleichzeitig die vergessen, die sich nach einer Agape-Erfahrung sehnen – und das ist bei den Israeliten der damaligen Zeit passiert –dann sind unsere frommen Handlungen nichts wert. Nichts weiter als frommes Getue. Denn Gott liebt es nicht nur, wenn wir ihn lieben und anbeten. Er liebt es, wenn wir andere Menschen lieben.

An eurer Liebe werdet ihr als meine Jünger erkannt werden.

Ich möchte euch einladen, zu radikal liebenden Menschen zu werden. Denn diese Welt braucht Menschen, die sich die Frage stellen: „Was würde die Liebe tun?“ Vor Ort und global. Diese Welt braucht Menschen, die ihre Nachbarn und Kollegen und Mütter und Schwiegermütter lieben. Und diese Welt braucht Menschen, die Kinder wie Jyoti lieben und ihnen Freiheit bringen.

Amen.

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