Durst nach Gerechtigkeit

Durst nach Gerechtigkeit

Ansgar Hörsting

Präsens des Bundes Freier evangelischer Gemeinden

Offenbarung 21, 6

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.

EINSTIEG: JOHANNES

Johannes, der Alte, wie man ihn nannte, hatte ein schweres Los zu tragen. Es war nun schon lange her, dass er Jesus live erlebt hatte. Was war seitdem alles geschehen! Die Tatsache, dass Jesus von den Toten auferstanden war und dass der Glaube an ihn so viel bewirkte, das hatte ihnen allen Kraft gegeben. Aber sie waren auch immer sehr angegriffen worden. Man betrachtete sie, die Ersten christlichen Gemeinden, als Sekten, als Störenfriede, als jüdische Querulanten, als Fanatiker usw. Es war hart.

Johannes war im Laufe der Jahrzehnte zu einer Person herangereift, der man vertraute. Er lebte in der heutigen Westtürkei. Dieser ganze Mittelmeerraum war ein unglaublich heißes Pflaster. Religiöse Strömungen die zueinander in Konkurrenz traten. Wirtschaftliche Interessen, die aufeinanderprallten. Völkerbewegungen von Ost nach West und umgekehrt. Rom, eine Weltmacht, die es verstand, mit Zuckerbrot und Peitsche die Herrscher des gesamten Mittelmeerraumes auf Linie zu halten. Rom, ein Wunderwerk an Administration und Ingenieurskunst. Und nun ein römischer Kaiser, Domitian, der nicht lange fackelte, der den Christen Probleme bereitete, weil sie ihn nicht als Gott anerkennen wollten.

Es gab sie damals wie heute: Herrscher und Beherrschte, Unterdrücker und Sklaven, Soldaten und Veteranen, Händler und Handwerker, Gerechte und Ungerechte, Gottsucher und Vergnügungssucher, Philosophen und Priester. Und mittendrin die kleine Gemeinde Jesu, die sagte: Jesus ist Herrscher! Er ist König. Das musste ja zu Problemen führen. Domitian verbannte Johannes, den Alten, auf die Insel Patmos. Dort sieht er, was mit Augen nicht zu sehen ist, was sich sozusagen zwischen Himmel und Erde abspielt und was kommen wird. Das Buch der Offenbarung fußt darauf und entsteht. Dieses Buch, das wir heute nur schwer verstehen, schließt ab mit einer Vision von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Endlich wird sie kommen. Eine Welt, in der Gottes Herrschaft allen sichtbar wird. Das neue Jerusalem, wie es genannt wird. Die Wohnung Gottes bei den Menschen. Ein Traum von Welt. Gott wird jede Träne abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, keinen Schmerz und kein Geschrei. Alles wird neu! Und da steht dieser Satz, der das Jahr 2018 als sogenannte Jahreslosung begleitete: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.“


DURST

Durst ist unangenehm, aber überlebenswichtig. Er signalisiert uns, dass wir etwas trinken müssen. Durst nach Gott zeigt uns, dass wir ihn suchen müssen. Durst nach Gerechtigkeit zeigt uns, dass etwas nicht in Ordnung ist auf dieser Welt! Wohl dem Menschen, der Durst hat. Er ist ein Mensch, der noch nicht abgestorben ist. Wir Menschen haben Durst nach einer neuen Welt. Durst nach der neuen Welt Gottes. Durst ist nicht schön. Aber er gehört zu uns. Der heutige Tag ist ein Tag des Durstes. Das ist nicht schön – aber wichtig. Und noch schlimmer wäre es, wenn wir den Durst überspielen würden: Das wäre der Tod. Viele Millionen Menschen leben heute in Bedingungen der Sklaverei. Sie haben aus eigener Kraft nicht die Möglichkeit, sich daraus zu befreien. Sie leben ohne Rechtsschutz, weil die Mächtigen sich über ihr Recht hinwegsetzen. Ohne strafrechtliche Konsequenzen bewegen sich die Mächtigen in nahezu rechtsfreien Räumen. Um ihres Vorteils willen treten sie das Leben schutzloser Menschen mit Füßen. Manche Sklaven haben sich so sehr an dieses Leben gewöhnt, zum Teil weil sie schon als Kinder so gelebt haben, dass sie nicht einmal mehr Durst nach Freiheit haben. Aber andere wohl. Wohl dem, der Durst danach hat, dass das so nicht weitergeht.

Heute ist ein Tag, an dem wir es zulassen müssen, Durst nach Veränderung zu haben.

Aber es gilt auch das andere: Der Durst nach Gottes vollkommener Welt wird einmal gestillt werden. Gerade denen, die in Sklaverei leben, ist Gott nahe. Ihre Tränen, ihr Geschrei, ihr Tod sind Gott nicht egal! Und er wird gerade für sie die neue Welt errichten. „Wie ein Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele nach Dir.“ (Psalm 42,2). Der Durst nach Leben ist Durst nach Gott. In Deutschland gibt es auch Sklaverei, wenn wir die Bedingungen der Zwangsprostituierten betrachten. Ansonsten leben die meisten Menschen in Deutschland, wie auch weltweit, äußerlich in Freiheit. Aber sie sind Sklaven der Lüge und der Sünde. Wohl dem, der Durst hat nach Gott, nach Frieden mit ihm. Wohl dem, der das noch spürt, was der Psalmbeter formulierte: Meine Seele schreit und dürstet nach dir, Gott. Heute ist ein Tag, an dem wir Durst nach Veränderung, nach Gott, haben müssen.

LEBENDIGES WASSER

Lebendiges Wasser, das ist fließendes Wasser, frisch, erfrischend, reinigend. Es ist ein Symbol für die Gegenwart und Herrschaft Gottes und für das Heil, das von ihm fließt. Für jeden Wüstenbewohner ist dieses Bild sofort nachvollziehbar, denn ohne Wasser ist das Leben schnell erstorben. Wasser steht für die Größe und Gnade Gottes. In Jesus Christus ist dieses Wasser zu uns gekommen. Wer ihn kennt, dessen Durst nach Gott wird gestillt. Von Jesus geht lebendiges Wasser aus. Johannes berichtet davon in seinem Evangelium. Jesus sagte: „Wer durstig ist, soll zu mir kommen und trinken, jeder, der mir vertraut! Denn in den Heiligen Schriften heißt es: ‚Aus seinem Inneren wird lebendiges Wasser strömen.‘“ (Johannes 7,37f. GNB). Und Johannes sieht „den Strom mit dem Wasser des Lebens, der wie Kristall funkelt. Der Strom entspringt am Thron Gottes und des Lammes und fließt … mitten durch die Stadt.“ (Offenbarung 22,1–2 GNB). Lebendiges Wasser ist, was wir brauchen. Das Heil Gottes ist jetzt schon da und wird doch erst in der zukünftigen Welt Gottes perfekt sein. In der Zeit bis dahin leben wir von Jesus. Sein Leben fließt zu uns.

UMSONST

Umsonst wird er es geben. Es ist schon jetzt kostenfrei bei ihm zu bekommen. Und in der zukünftigen Welt, die Johannes sieht, ist es perfekt und umsonst und immer da. Kein Schmerz, kein Geschrei, keine Sklaverei, keine Ungerechtigkeit, keine Gottesferne, kein Missbrauch, kein Terror, sondern: lebendiges Wasser umsonst. Die Jahreslosung ist ein wunderbarer Ausblick.

Warum hat Gott Johannes diesen Ausblick gegeben? Und was bedeutet er für uns heute?

ZWEI ANTWORTEN

Erstens:

Johannes sollte Kraft erhalten, um in der Not durchzuhalten. Der Ausblick auf diese neue Welt Gottes sollte ihm zeigen: Es wird nicht so bleiben. Diese Welt ist schlecht und böse, aber halte durch. Bleibe bei Jesus.

Ich bin der Überzeugung, dass wir das heute auch brauchen. Die realistische Einsicht, dass Menschen einander Böses antun, wenn sie die Gelegenheit dazu haben, macht uns bescheiden. Wir halten die Tatsache aus, dass es ungerecht zugeht auf dieser Welt. Das macht uns nicht irre. Wir bezeugen auch in Zukunft, dass Jesus der Herr ist, obwohl es zum Teil drunter und drüber geht. Außerdem können wir jedem Menschen auf dieser Erde, egal in welcher Form von Sklaverei sie gefangen sind und vielleicht sogar bleiben, sagen: Es wird alles gut. Gott schafft eine neue Welt. Schau Dir das an. Halte durch und verzweifle nicht.

Zweitens:

Die Perspektive auf eine perfekte Erneuerung gibt Johannes die Kraft, bis dahin – sofern es geht – Gottes Werte, Gottes Reich hier und heute zu erwarten und zu leben. Uns gibt es die Kraft, uns heute für die Befreiung von Sklaven einzusetzen. Der realistische Blick auf die Bosheit der Welt macht uns nicht zu Opfern und gelähmten Zauderern. Nein, der Blick auf Gottes Welt gibt uns die Freiheit und den Mut, heute diese neue Welt zu erbitten und dafür zu leben.

Lebendiges Wasser umsonst – ja das gibt es perfekt erst in der perfekten Welt, die noch nicht da ist. Aber das lebendige Wasser gibt es schon heute! Im Glauben an Jesus Christus und im Leben für unseren Nächsten.

UND JETZT?
  • Leben wir mutig. Setzen wir uns ein. Befreien wir und helfen bei der Befreiung. Aus handfester Sklaverei weltweit. Und aus der Sklaverei der Sünde und Schuld. Sei es die eigene Schuld oder die der Vorfahren. Durch Jesus können wir mutig dagegen angehen.
  • Leben wir getrost. Weil wir wissen, dass einmal alles gut werden wird – und alles neu. Menschen brauchen Trost. Wir auch.
  • Leben wir heute mit dieser Perspektive mitten in der Welt, so zerschunden sie auch ist. Und verbinden wir uns miteinander, um einander zu ermutigen. Keiner schafft das allein. Wir sind gemeinsam unterwegs in die neue Welt Gottes und gemeinsam unterwegs noch in der alten Welt.

Gott gibt lebendiges Wasser umsonst. Jetzt schon. Und zukünftig einmal vollkommen. Bis dahin: Trink davon und gib es weiter!


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