Freiheit ist eine gefährliche Angelegenheit!

Freiheit ist eine gefährliche Angelegenheit!

Frank Heinrich

Sozialpädagoge, Theologe und Bundestagsabgeordneter. Im Bundestag ist er Mitglied der CDU/CSU-Fraktion im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe sowie Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales.

Ein armes, unterernährtes Mädchen wurde in ein New Yorker Krankenhaus gebracht. Bald kam die Krankenschwester und brachte ihr ein großes Glas mit Milch. Das Kind war in extremer Armut großgeworden und war eines von vielen Kindern einer Familie. Als die Krankenschwester ihr das Glas mit Milch anbot, fragte das Mädchen: „Schwester, wie tief darf ich trinken?“

In ihrem Zuhause wurde ein Glas Milch immer mit mehreren geteilt und jedem war es nur erlaubt, bis zu einem bestimmten Level zu trinken. Die Krankenschwester teilte ihr aber fröhlich mit: „Trink’s tief bis runter, mein Kind, da ist genug; du kannst so viel haben, wie du willst.“

Wissen wir noch, dass wir bei GOTT noch „viel mehr“ bekommen können, auch in Bezug auf Freiheit? Wenn er von Freiheit redet, dann meint er „FREIHEIT“.

Soweit – so klar. Trotzdem entspricht es meiner Erfahrung, dass „Freiheit“ für uns eine gefährliche Angelegenheit werden kann. Ich habe sehr viele Jahre für die Heilsarmee gearbeitet; zuerst als Sozialarbeiter und später als Heilsarmeeoffizier, was in etwa dem Pastor in einer anderen Kirche entspricht. Da sich diese kleine, aber deutlich erkennbare Kirche „Heilsarmee“ um die kümmert, die am Rand stehen, weiß ich nur zu gut, was sich alles auf unseren Straßen und in den Hinterhöfen unseres reichen Landes abspielt. Ich habe Menschen gekannt, deren Leben schon beendet war, als sie das 30. Lebensjahr noch lange nicht erreicht hatten. Ich habe in dieser Zeit mehr als genug vergewaltigte Männer und Frauen, Prostituierte und von Alkohol und Drogen Gezeichnete getroffen …

Aufgewachsen in einem christlichen Elternhaus hatte ich mir so etwas vorher kaum vorstellen können. Aber eines haben die meisten von ihnen – diese unbeschreiblichen Originale – gemeinsam: Grenzenlose Freiheit hat sie zu Gefesselten werden lassen, deutlich sichtbar daran, dass sie durch Drogen, Alkohol, Verhalten oder auch ihre Geschichte gebunden sind. Aber auch Ängste, Einsamkeit, Ablehnung oder Ausgrenzung können uns fesseln. Vor einigen Monaten habe ich ein Länderspiel der Deutschen Basketball-Nationalmannschaft in Chemnitz besucht. Lautstark haben die meisten Zuschauer vor dem Spiel die Zeile „Einigkeit und Recht und Freiheit“ mitgesungen. Während ich an dieser Predigt sitze und über Freiheit nachdenke, frage ich mich allerdings: Was meinen wir, wenn wir diese Zeile singen? Oder, wenn unsere französischen Nachbarn von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ reden und auch die US-Bürger ihre Hymne mit „the land of the free“ enden lassen?

Als Politiker muss ich mir sehr selbstkritisch eingestehen, dass gerade wir es immer wieder geschafft haben, diese Begriffe zu entwerten, anstatt ihnen gerecht zu werden. Viele Freiheitskämpfer waren letztlich in erster Linie Kriegshelden und auf dem Weg zu ihren hehren Zielen sind oftmals mehr Menschen zu Opfern geworden und gestorben, als in den Jahrzehnten davor in ihren Ländern gelitten haben. Auch Philosophen geben sich auf diesem Gebiet ein Stell-dich-ein. „Freiheit gibt es nicht!“, sagen die einen (und einige Hirnforscher bestätigen sie bei dieser These). Deswegen reden manche nur von der sozialen Freiheit, die man nur mit anderen genießen könne und wieder andere möchten uns die Freiheit nahebringen, die wir nur in uns selber finden können.

Und bei all diesen Überlegungen bin ich schließlich im Alten Testament angekommen. Hier habe ich vom „MESSIAS“ gelesen. Von ihm wurde gesagt, dass er Freiheit bringen bzw. diese schaffen würde. Viele haben das damals in erster Linie als eine „äußerliche“ Befreiung gedeutet und deswegen von ihm einen erfolgreichen Befreiungskrieg erwartet, der die Römer aus dem Land treibt und Israel zu alter Stärke zurückführt.

Doch Freiheit ist viel mehr, wie mir Jesaja 61,1–3 zeigt: „Er hat mich gesandt, den Verzweifelten neuen Mut zu machen, den Gefangenen zu verkünden: „Ihr seid frei, Eure Fesseln werden gelöst“ Er hat mich gesandt, um das Jahr auszurufen, in dem der Herr sich seinem Volk gnädig zuwendet, um den Tag anzusagen, an dem der Herr mit unseren Feinden abrechnen wird. Die Weinenden soll ich trösten und allen Freude bringen, die in der Zionstadt traurig sind. Sie sollen sich nicht mehr Erde auf den Kopf streuen und im Sack umhergehen, sondern sich für das Freudenfest schmücken und mit duftendem Öl salben: sie sollen nicht mehr verzweifeln, sondern Jubellieder singen. Die Leute werden sie mit prächtigen Bäumen vergleichen, mit einem Garten, den der Herr gepflanzt hat, um seine Herrlichkeit zu zeigen.“ (GNB)

Das ist das, was ER – der Schöpfer – unter Freiheit versteht! Sie beinhaltet diese vielen, so unterschiedlichen und in diesem Bibeltext aufgezählten Facetten. Und darum soll es mir heute gehen.

Ich möchte Sie deshalb mitnehmen bei dem Versuch, Antworten auf zwei Fragen zu finden: Die erste lautet: Von was müssen wir eigentlich befreit werden? Und die zweite habe ich so formuliert: Wozu werden wir befreit bzw. wozu ist diese Freiheit da? Damit meine ich, dass wir Freiheit erleben ohne der „Gefahr“ zu erliegen, diese Freiheit zu missbrauchen.

Wenden wir uns der ersten Frage zu:

I. WOVON MÜSSEN WIR FREI WERDEN?

Freiheit ist zuerst einmal „das Ende der Gefangenschaft“. Gefangenschaft? Meine ich etwa, dass uns Dämonen, unreine Geister, okkulte Praktiken, die Folgen von Flüchen oder die Sünden unserer Vorfahren gefangen halten, wie es an einigen Stellen der Bibel ausgedrückt wird?

Für mich ist nicht entscheidend, wie du zu dieser Frage stehst. Ich habe vielmehr festgestellt, dass es genug handfeste, nachvollziehbarere Ketten gibt, die uns gefangen halten. Sie lassen sich ganz einfach dadurch entlarven, wenn eine ehrliche Antwort auf die Frage „Was fesselt uns noch?“ zugelassen wird. Was hat das Potential, dich einzunehmen? Was fesselt dich? Fallen dir Drogen, Alkohol, Pornographie, Zocken, Lüge, Stolz oder Eitelkeit als erstes ein? Oder findest du dich eher in der „Pseudo-Realität“ oder in der Romantik im Sammelpack wie Lindenstraße, Marienhof, Verbotene Liebe oder Gute-Zeiten-Schlechte-Zeiten wieder? An was hängen wir mehr als gut für uns ist? Jeder von uns weiß am besten, was ihn einnimmt und bestimmt. Wir alle sind gefragt, aufzupassen, welche „Dinge“ uns in Besitz nehmen.

JESUS hat uns zur Freiheit berufen und möchte nicht weniger als unsere ganze Aufmerksamkeit haben. Da, wo wir uns schon zu weit mit „Dingen“ eingelassen haben, dass wir allein nicht mehr davon loskommen, da bietet er sich als Befreier an. Ja, es braucht unseren Willen dazu, aber jeder hat „Dinge“, von denen er sich auch mit seinem stärksten Willen nicht lösen kann. Für solche Fälle bietet JESUS sich als „Spezialist“ an: Er will gefragt werden und er will FREIMACHEN! Jesaja drückt das so aus: „Er hat mich gesandt, den Verzweifelten neuen Mut zu machen, den Gefangenen zu verkünden: „Ihr seid frei, Eure Fesseln werden gelöst.“ Selbst der große Paulus kannte offensichtlich „Dinge“, die er nicht tun wollte, und doch immer wieder tat. Deswegen spricht er von „Dingen“, die er lassen will und es einfach nicht schafft. Und Annett Louisan singt vom ihrem „inneren Schweinehund“ und stellt fest: Er – der innere Schweinehund – wedelt mit dem Schwanz nur für Willensschwache. Und jeder gute Vorsatz zum Neuen Jahr beginnt mit, „von nun an“ werde ich jenes tun oder lassen. UND? Wie lange klappt das?

Ich habe festgestellt, dass uns in erster Linie zwei Dinge von der Entwicklung abhalten, so zu werden, wie Gott es sich gedacht hat. Erstens: Sünde. Und zweitens: unser EGO, das selbst bestimmen will. Die Bibel nennt das: „unser natürliches Leben Gott ganz hingeben“, wörtlich „opfern“, damit er es in das verwandelt, was IHM gefällt.

JESUS will uns „FREIMACHEN“: „Wenn Euch der Sohn frei macht, so seid IHR wirklich frei“ (Joh. 8, 36). Soviel zur 1. Frage: Wovon müssen wir frei werden bzw. müssen wir befreit werden?

Damit sind wir bei der deutlich gefährlicheren Frage angelangt:

II. WOZU IST DIESE FREIHEIT DA?

Meine Frau ist Hauswirtschafterin und erzählte mir mal von einer seltsamen Entwicklung im Zusammenhang mit der wöchentlichen Wäsche. Irgendwann hatte man die Waschmaschine erfunden, um sich das Leben zu erleichtern, um mehr Zeit übrig zu haben und mehr Freiheit zu gewinnen. Und wir alle haben sie gekauft. Aber hat die Zeit, die wir mit der Wäsche verbringen, abgenommen? Kaum. Wir haben einfach mehr Klamotten gekauft, diese öfter mit dem Weißen Riesen gewaschen und wenden mehr Zeit auf, um Geld für noch mehr Klamotten zu verdienen. Deswegen rufe ich uns noch einmal die zweite Frage in Erinnerung: Wozu ist die Freiheit da, die Gott sich für uns gedacht hat? Sieben Gedanken möchte ich dazu äußern:

1. Sie ist unsere Bestimmung

In dem Brief an die Galater stellt Paulus fest: „Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben.“ Galater 5,1 (HFA)

Wirkliche Erfüllung kann es für ein Geschöpf Gottes nur geben, wenn es seiner Bestimmung gerecht wird. Für mich heißt das, dass wir unserer Begabung, unserem Herzen, unserer Berufung entsprechend leben. Wir waren FREI geschaffen, mit einem freien WILLEN ausgestattet. Es ist eigentlich das Verlangen jedes Menschen, Erfüllung zu finden, oder nicht? Und hier liegt die Antwort: Nur wenn wir das leben, wozu wir geschaffen wurden, werden wir Freiheit finden. Wer das lebt, was Gott für ihn gedacht hat, wird einen „befreiten Alltag“ leben können.

Wozu ist diese Freiheit da? Sie ist Gottes Wille! (Gott will es so!) Er will, dass wir unsere Bestimmung finden, dass wir wissen, wer wir nach seinem Willen sind. Das kann uns seinen Frieden geben, seine Ruhe. Und das ist ohne innere Freiheit wohl kaum zu bekommen.

2. Sie macht echtes Genießen erst möglich

Jedem von uns fällt sicher schnell jemand ein, den wir für reich halten und der nicht genießen kann. Oder einer, der für die Freiheit kämpft und die Welt verändern möchte, aber überall nur Hektik verbreitet und nie zur Ruhe kommt, weil er nicht genießen kann. Noch auffälliger sind die Ruhm und Ehrsüchtigen, die von anderen für berühmt gehalten und verehrt werden, und doch ihren Ruhm und ihre Ehre nicht genießen können. Mit dem, was andere über mich denken und von mir halten, ist echte Freiheit nicht zu bekommen. Wenn du weißt, wer du für Gott bist und was er für dich gedacht hat, wirst du die Welt Gottes mit anderen Augen wahrnehmen. Oft gehe ich nachts spazieren. Wenn es mir gelingt, zurückzufinden zu dem Einklang zwischen meinem Schöpfer und mir, dann ist das für mich mehr wert als viele Aktivitäten.

Wozu ist diese Freiheit da?

Sie ist die Quelle für Dankbarkeit und Freude, die nur aus der Freiheit wachsen kann, die Nähe zum Schöpfer zu genießen.

3. Sie macht uns frei, Unfreiheit und Begrenzung nicht mehr persönlich zu nehmen

Hiob wird im Alten Testament ein ganzes Buch gewidmet. Vieles in diesem Buch ist schwer zu verstehen. Für mich steht aber fest: Die Geschichte dieses Mannes ist deswegen in die Bibel aufgenommen worden, weil er im Vertrauen auf Gott sagen konnte: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.“ (Hiob 1, 21) Nicht vielen von uns gelingt es, ohne Ärger und Zorn schwierige Lebensphasen anzunehmen. Aber genau dadurch wird Demut möglich und äußere Begrenzungen werden zur Randerscheinung! Ich stelle mir vor, dass dadurch sogar viel Zeit eingespart werden könnte. Denn wer wie Hiob nicht mehr in Angst und Sorge um die Zukunft lebt, muss seine Zeit auch nicht mehr für’s „Sich Sorgen machen“ einsetzen.

Wozu ist diese Freiheit da? Sie soll uns in die Lage versetzen, uns mit unserer Lebenssituation auszusöhnen und im Vertrauen auf Gott Begrenzungen anzunehmen.

4. Diese Freiheit schränkt uns nicht ein

Manche Menschen glauben, dass die Gläubigen in erster Linie vieles nicht mehr tun oder wollen sollen. Sie wissen ganz genau, was wir angeblich nicht mehr dürfen – und deswegen, so sagen sie, wollen sie auch nicht dazugehören. Luther hat dem sehr schön entgegengesetzt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr in allem und von niemandem verpflichtet.“ Doch dann hat er hinzugefügt: „Ein Christenmensch ist ein dienender Diener in allem und jedermann verpflichtet.“ Von der ersten Gemeinde über Franz von Assisi bis hin zu Mutter Teresa zieht sich diese Wahrheit durch die Kirchengeschichte: Wirkliche Freiheit erreichen wir dadurch, dass wir unser Leben und unseren Willen an den Willen Gottes ausliefern.

Wozu ist diese Freiheit da? Sie ist die Einladung Gottes an uns, freiwillig unser Leben an seinem Willen auszurichten.

5. Sie erlaubt uns, von uns wegzusehen

Ein Freund erzählte mir, was ihn bei seinem letzten Picknick tief beeindruckt hatte: „Ein konvertierter Muslim in der Runde war darauf angesprochen worden, dass er ja jetzt so frei wäre, auch Schinken und Schweinefleisch zu essen. Wahrscheinlich lag nur noch davon etwas auf dem Grill. Die Reaktion des Muslims war bemerkenswert: ‚Ja‘, sagte er, ‚aber wenn ich nach Hause gehe‘ – einmal im Jahr hatte er die Gelegenheit dazu – dann lautet eine der ersten Fragen: ‚Haben diese Ungesetzlichen dich inzwischen gelehrt, dieses schmutzige Fleisch zu essen?‘ Und wenn ich dann JA sagen müsste, würde ich auf der Stelle rausfliegen. Aber wenn ich sagen kann: ‚NEIN, noch nie ist ein Stück Schwein über meine Lippen gekommen‘, dann habe ich vielleicht weiter die Möglichkeit – die Freiheit – ihnen von der Freude, die ich in JESUS gefunden habe, zu erzählen. Also bin ich frei, es zu essen, aber eben auch frei, es nicht zu essen.“

Wozu ist diese Freiheit da? Sie macht uns frei, von uns selbst und unserem eigenen Vorteil wegzusehen und uns daran zu orientieren, was für andere bzw. uns alle das Beste ist. Ganz eng damit verbunden ist der sechste Gedanke:

6. Sie setzt zum Dienst frei – und hier wird’s eben heiß und heikel

Eine der zentralen Aussagen der Schöpfungsgeschichte ist, dass wir als Menschen FÜREINANDER geschaffen sind! Keiner von uns hätte überlebt, wenn nicht zumindest am Anfang seines Lebens jemand mehr oder weniger gut für ihn gesorgt hätte. Freiheit ist, wieder das tun zu dürfen und zu können, was eigentlich in unserem Herzen steckt: orientiert an gesunden Maßstäben, ja, aber vor allem ohne Druck und Angst. Freiheit ist, die Kraft zu finden, um loszukommen von unserem „inneren Schweinehund“, der uns immer wieder „nervt“, weil er uns träge werden lässt. Freiheit ist, offen sein zu können und auf andere zugehen zu können, ohne befürchten zu müssen, dass der andere uns ausnutzen könnte. Freiheit ist, losgelöst von unseren Trieben leben zu können – und dabei fröhlicher zu sein als mit ihnen. Und Freiheit ist nicht zuletzt auch, frei entscheiden zu können, ohne auf andere schauen zu müssen. Nun könnte man einwenden, diese Art von Freiheit lebt doch auch ein Mann wie Donald Trump. Bei der Freiheit, entscheiden zu können, ohne auf andere schauen zu müssen, würde ich sagen: Ja! Bei der Freiheit, ohne unsere Triebe leben zu müssen, würde ich sagen … Vorsicht bei vorschnellen Bewertungen. Es geht mir nicht darum, die Freiheit eines anderen zu bewerten. Es geht darum, frei zu sein für eine Aufgabe, die Gott für mich hat – als Politiker oder Pastor genauso wie als Handwerksmeister, Mutter oder Rettungssanitäter.

Wozu ist diese Freiheit da? Frei zu sein zum Dienst, einer Lebensaufgabe nachzugehen und dieser nicht auszuweichen, auch dann nicht, wenn sie mir viel abverlangt. Damit bin ich beim letzten und siebten Punkt:

7. Sie kreiert Verantwortung

Wer die oben beschriebene Freiheit selbst erlebt hat, der lebt nicht weiter wie zuvor. Ich bin sogar davon überzeugt, dass es kein Zurück mehr gibt, wenn wir einmal diese Art von Freiheit geschmeckt haben. Und hier komme ich auf die anfänglich von mir genannte „Gefahr“ zurück. Ein Leben in dieser Freiheit - oder zumindest in einem Prozess des „Frei-Werdens“ lässt uns keine Ruhe, wenn wir um Menschen wissen, die nicht in Freiheit leben können. Manche Menschen sind sogar bereit, ihre „ÄUSSERE“ Freiheit dafür herzugeben. Ich habe den einen und anderen kennengelernt, der bereit war, alles dafür zu geben – bis hin zum Märtyrertod – um zu erreichen, dass andere „innere oder äußere“ Freiheit genießen können. Das hat mir gezeigt, dass es sogar im Knast eine Freiheit gibt, die echter ist als unsere sogenannte Freiheit in der westlichen Welt. Deswegen kann ich nicht mehr zusehen, wie Menschen auf dieser Welt in buchstäblicher Sklaverei leben müssen. Viele von ihnen müssen unter Bedingungen leben, die eins zu eins dem entsprechen, was wir uns unter dieser ausgerottet geglaubten Seuche der Menschheit vorstellen. Und das nur deswegen, weil wir uns die Freiheit nehmen, ohne viel Nachdenken zu konsumieren. Es ist unsere Leichtfertigkeit, mit der wir Fisch, Textilien, Kaffee oder Schokolade konsumieren – und dies so billig wie möglich –, die Millionen von Menschen am anderen Ende der Lieferkette in finsterer Abhängigkeit und Sklaverei hält.

Doch Sklaverei ist nicht nur weit weg von uns zu finden, sie spielt sich täglich vor unserer Haustür ab. Wenige Monate nachdem ich in den Bundestag einzog und Mitglied im Menschenrechtsausschuss wurde, sprachen mich unabhängig voneinander Freunde auf einen skandalösen Missstand in unserem Land an. Durch verschiedene Rahmenbedingungen hat sich auch bei uns eine Art Sklavenhandel entwickelt, insbesondere im Bereich der Prostitution, aber nicht nur dort. Ich kann hier leider nicht in die Tiefe gehen, aber aus unterschiedlichen Quellen weiß ich, dass sich bis zu 400.000 Menschen, hauptsächlich aus Osteuropa, in unserem Land prostituieren bzw. prostituieren müssen. Eine große deutsche Gewerkschaft stellt zum Beispiel fest, dass in Deutschland 1,2 Millionen Mal sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen werden – und das jeden Tag! Und verschiedene Hilfsorganisationen und einige Polizeisprecher gehen davon aus, dass etwa 90 Prozent dieser Dienstleistungen von den Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen unfreiwillig angeboten werden.

Wenn das stimmt – und ich bin überzeugt, dass es stimmt – dann hieße das, dass über eine Million Mal am Tag Menschen in unserem Land gezwungen werden, unglaubliches Leid über sich ergehen zu lassen. Das lässt mich seitdem nicht mehr in Ruhe. Inzwischen habe ich mit anderen das Bündnis „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ gegründet. Wir wollen unser Bestes geben, um so viele Einzelne wie möglich zu befreien. Daneben klären wir auf und haben uns zum Ziel gesetzt, wann immer möglich die Rahmenbedingungen so zu ändern, dass der Missbrauch und das Leid der vielen Einzelnen aufhören. Letztlich gelingt das aber nur, wenn wir die Gleichgültigkeit diesem Missstand gegenüber in unserer Gesellschaft verändern. Ich kann bei diesem Thema nicht mehr schweigen.

Wenn wir mit offenen Augen und freiem Herzen in unserem Umfeld leben – oder zumindest teilbefreit – dann werden uns die Ketten und das Leid unserer Mitmenschen nicht mehr gleichgültig lassen. Ich glaube, dass GOTT das in uns hineingelegt hat. Wir sind berufen, zu teilen. Damit meine ich nicht nur mit der einen oder anderen Spende, sondern mit unserem ganzen Herzen und Wesen.

Es kann und darf uns nicht ruhig und gleichgültig lassen, wenn andere um uns herum gefangen sind. In Freiheit leben heißt für mich auch, Verantwortung zu übernehmen, um andere aus ihrer Gefangenschaft zu Befreien.

Ich komme zum Schluss:

Was heißt es für uns persönlich, dass Freiheit eine „gefährliche“ Angelegenheit ist? Ich meine, diese Art von Freiheit fordert uns zu zwei Schritten heraus.

Der Erste ist vielleicht der wichtigste: Wir stellen uns unseren Ängsten, unserer Verzweiflung und Ohnmacht, damit wir von ihnen befreit werden können. Wie oft hat uns schon die Angst zu scheitern davon abgehalten, tief durchzuatmen und frei zu sein? Jeder darf an dieser Stelle gern selbst prüfen, was ihn persönlich davon abhält, befreit zu leben. Der erste Schritt ist die Voraussetzung dafür, dass wir den zweiten Schritt gehen können – und dieser sollte auf keinen Fall fehlen: Jeder stellt sich dem Auftrag, der für ihn mit dieser Art von Freiheit verbunden ist. Im Buch des Jesaja spricht GOTT sehr deutlich an, was er von der Frömmigkeit seines Volkes hält. In Kapitel 58 z. B. geht er auf das Fasten ein und ist nicht gerade fröhlich über das, was ihm in Bezug darauf geboten wird. Und dann definiert er, was ihm wirklich wichtig ist:

Jesaja 58,6–8 (HfA): „Nein – ein Fasten, das mir gefällt, sieht anders aus: Löst die Fesseln der Menschen, die man zu Unrecht gefangen hält, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab! Teilt euer Brot mit den Hungrigen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt, und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen! Dann wird mein Licht eure Dunkelheit vertreiben wie die Morgensonne, und in kurzer Zeit sind eure Wunden geheilt. Eure barmherzigen Taten gehen vor euch her, und meine Herrlichkeit beschließt euren Zug.“

Die Freiheit, von der ich gesprochen habe, ist deswegen eine gefährliche Angelegenheit, weil sie uns von unserer Bequemlichkeit befreien will. Sie befreit uns, furchtlos die Schwierigkeiten und Herausforderungen unserer Zeit allen Angriffen zum Trotz zu durchschreiten. Sie hält uns davon ab, unser Augenmerk nur auf die Schwierigkeiten zu lenken, sondern hilft uns, mutig das anzupacken, was uns und andere von dieser Freiheit fernhalten will.

In dem Zusammenhang erinnere ich Sie an das Mädchen, dem die Krankenschwester das Glas Milch gebracht hat und es aufforderte: „Trink’s tief bis runter, mein Kind, da ist genug; du kannst so viel haben, wie du willst.“

Ich möchte mich nicht mit weniger als dieser Freiheit zufriedengeben und diese bis „tief runter“ trinken. Und ich wünsche mir, dass auch Sie sich mit nichts weniger als dieser Freiheit zufriedengeben und diese „tief runter“ trinken können.

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