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Über IJM
Endlich Urlaub. Ich sitze am Strand, ein gutes Buch in der Hand. Durchatmen. Plötzlich höre ich Hilferufe. Ich schaue mich um, sehe niemanden. Aber das Rufen kommt vom Meer. Und da sehe ich ein paar rudernde Arme. Ich springe ins Wasser und bekomme den jungen Mann zu fassen. Mit aller Kraft ziehe ich ihn an Land. Völlig erschöpft liegen wir beide auf dem heißen Sand. Kaum sitze ich wieder auf meinem Platz, da höre ich schon wieder Schreie. Das kann eigentlich gar nicht sein. Ich schaue mich um, aberanscheinend nimmt niemand Notiz davon. Ich kann es nicht glauben, überlege, was zu tun ist. Die Schreie werden verzweifelter und ich stürze mich wieder ins Meer – bekomme die junge Frau zu fassen und bringe sie mit letzter Kraft an Land. Völlig fertig gehe ich zurück zu meinem Handtuch, als ich schon wieder Schreie höre. Ich starre aufs Meer und ganz klar, da ist wieder ein Ertrinkender und da noch einer und noch einer. Ich bin verwirrt, kann es nicht glauben – schaue den Strand entlang, dort scheint es niemanden zu interessieren. In meinem Kopf dreht sich alles.
Wo kommen die ganzen ertrinkenden Menschen her? Ich schaue nach rechts und blicke auf eine große Klippe. Erst jetzt nehme ich ein Platschen wahr und sehe, wie Menschen von der Klippe ins Meer stürzen. Ich springe auf, renne zur Klippe und traue meinen Augen nicht. Oben auf der Klippe steht eine riesige Maschine, die hilflose Menschen die Klippe herunterschmeißt. Was soll ich machen? Die Ertrinkenden retten oder gegen die Maschine kämpfen? Mutlos und erschöpft kauere ich am Strand …
Ich gebe zu, die Geschichte ist so nicht passiert. Nicht an diesem Strand und doch passiert sie täglich in der Zerrissenheit unserer Welt. Das System dieser Welt ist schon lange ins Wanken geraten und manchmal stehe ich mutlos davor und frage mich, was ich dagegen tun kann und ich fühle mich wie an diesem Strand und denke: „Auch wenn ... gegen die Maschinen dieser Welt hast du keine Chance.“ 35 kriegerische Konflikte haben wir aktuell in unserer Welt, Ausbeutung und Sklaverei wie noch nie zuvor in der Geschichte und wir spüren, dass das Gleichgewicht des Miteinanders schon lange vorbei ist. Ok, dann machen wir es uns an unserem Strand so gemütlich wie möglich, denn da geht es uns ja gut. Wir haben alles, was wir brauchen und noch viel mehr. Eigentlich eine paradoxe Situation; es könnte so schön sein, wenn nur die Schreie nicht wären …
Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land. Exodus 3,7 + 8.
Gott hört die Schreie der Bedrängten und kennt ihr Leiden. In diesen Versen aus dem Exodusbuch stellt sich Gott zum ersten Mal in der Bibel vor – und zwar Mose, dem Schafhirten am Berg Horeb. Und Gott erklärt Mose, wer er ist, warum er ihn beruft und was sein Auftrag ist. Denn Gott leidet mit seinem Volk, er sieht die Ungerechtigkeit, die Schreie, die ägyptische „Maschinerie“, die sein Volk systematisch zerstört und möchte das ändern. Und Mose soll ihm dabei helfen. Aber Mose diskutiert zwei Kapitel lang mit Gott, denn er fühlt sich klein und nichtig, argumentiert, dass er nicht gut reden kann und überhaupt ist das wohl eine Nummer zu groß für einen Schafhirten. Und Gott? Er beantwortet die Fragen von Mose geduldig, stellt sich und seine Absichten vor, gibt ihm konkrete Hilfestellungen und am Ende die Zusage: „Ich werde bei dir sein – bei allem, was du tust.“
Und Gott hielt Wort. So zog Mose mit dem Volk Israel spektakulär aus Ägypten aus. Der Exodus spielt für das Volk Israel zu allen Zeiten seiner Geschichte eine zentrale Rolle und beschreibt das befreiende Heilshandeln Gottes an seinem Volk. Er ist sozusagen der Anfang der geschichtlichen Rechtsschreibung des Volkes Israel, in dem deutlich wird, wie Gott das Volk aus Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Armut befreit. Der Auszug des geknechteten Volkes Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten umfasst sowohl die geistliche Dimension, in der die Liebe Gottes zu seinem Volk sichtbar wird. Dazu gehört aber auch die soziale Dimension: die Befreiung aus sozialen Ungerechtigkeiten; was auch in der gemeinsamen Feier des Passafestes zum Ausdruck kommt. Wie auch die ökonomische Dimension der Sklavenarbeit, die kaum Eigentum zuließ, hin zu wirtschaftlichen Selbstversorgern und eigenem Land. Aber das hatte auch politische Folgen, denn die Befreiung aus der Sklaverei brachte eine Änderung des politischen Systems mit sich; es wurde eine eigene Form von Staatlichkeit entwickelt. Im Exodus stellt Gott seine Liebe in Erlösung, Freiheit und Gerechtigkeit dar, die alle Lebensbereiche umfasst. Der Freiburger Religionspädagoge Fulbert Steffensky hat dies einmal wunderbar auf den Punkt gebracht, indem er sagte: „Gerechtigkeit ist strukturell gedacht Liebe.“
An diesem Liebeshandeln Gottes werden gleich mehrere Dinge deutlich. Zuallererst das Wesen und der Charakter Gottes. Er liebt uns Menschen und leidet mit denen, die in Not sind. In den Psalmen lesen wir: Gott ist Gerechtigkeit (Psalm 7,18). Er selbst setzt sich für die Elenden ein und will den Armen Recht schaffen (Psalm 140,13). An über 3.000 Stellen in der Bibel stellt sich Gott selbst auf die Seite der Unterdrückten und Benachteiligten (vgl. HfA 2013).
Gott selbst ist der Anwalt der Gerechtigkeit. Und diese Gerechtigkeit zeigt sich ganz praktisch in der Wiederherstellung der Beziehungsebenen, in denen wir Menschen leben: 1. Mensch – Gott (Gottesliebe), 2. Mensch – sich selbst (Selbstliebe), 3. Mensch – Nächster (Nächstenliebe) und 4. Mensch – Natur (Schöpfung). Wir erleben dabei, dass diese Beziehungsebenen gestört und zerstört werden, sowohl im individuellen als auch im sozialen Bereich. Die Bibel nennt diese Störung Sünde. Und die Bibel erzählt die große Geschichte, wie Gott immer wieder versucht, die zerstörten Beziehungen wiederherzustellen. Im Alten Testament wird der Aspekt der Wiederherstellung am hebräischen Begriff „Schalom“ sehr deutlich. Dieser bedeutet „Frieden“ und ist mehr als nur ein (Friedens-)Gruß. Denn eigentlich heißt Schalom: „Schulde ich dir etwas?“ Die Antwort kann sein: „Ja, du schuldest mir etwas.“ Der Frieden kann erst wiederhergestellt sein, wenn die Schuld beseitigt ist. Ein sehr schöner und sinniger Gruß. Schon im Alltag wurden die Israeliten daran erinnert, dass Gottes Gerechtigkeit in allen Beziehungen zu sehen und zu erleben ist – auch in denen, die unbequem und herausfordernd sind. In Israel wurde diese Wiederherstellung von Beziehungen ganz praktisch in die Gesetzgebung integriert, die den Alltag des Volkes regelte und interessanterweise sowohl auf der individuellen als auch auf der sozialen bzw. Strukturellen Ebene zum Ausdruck kommt. So zum Beispiel durch das Abgabegebot, das alle drei Jahre in ganz Israel durchgeführt wurde und eine erste Form einer Sozialversicherung durch ein gemeinschaftliches Versorgungssystem darstellte; indem gerade die Schwachen und Benachteiligten durch die Gemeinschaft versorgt wurden (Deut 14,28; 26,12). Ebenso wichtig war alle sieben Jahre das Sabbatjahr (Lev 24; Deut 15). In diesem wurden die Schulden erlassen und alle Sklaven mussten freigelassen werden. Was die Menschen durch Egoismus, falschen Umgang mit Ressourcen und Habgier durcheinandergebracht hatten, sollte von Gottes Ordnung wiederhergestellt werden. Dabei hat Gott immer die Schwächsten im Blick, wie beispielsweise die Witwen, die oftmals von Armut bedroht waren (Ex 22,22; Dtn 24,17–19). Das wird sehr anschaulich im 5. Buch Mose beschrieben:
„Du sollst das Recht des Fremdlings und der Waise nicht beugen und sollst der Witwe nicht das Kleid zum Pfand nehmen. Denn du sollst daran denken, dass du Knecht in Ägypten gewesen bist und der HERR, dein Gott, dich von dort erlöst hat. Darum gebiete ich dir, dass du solches tust. Wenn du auf deinem Acker geerntet und eine Garbe vergessen hast auf dem Acker, so sollst du nicht umkehren, sie zu holen, sondern sie soll dem Fremdling, der Waise und der Witwe zufallen, auf dass dich der HERR, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hände.“ Deuteronomium 24,17-19
Natürlich können wir die mosaische Gesetzgebung nicht einfach auf uns heute übertragen, doch Gott und sein Anliegen haben sich nicht verändert. Wir können aber von ihnen lernen, denn die „Maschine“ ist immer noch im vollen Gange und das gesellschaftliche Unrecht zeigt sich auch heute auf der individuellen und strukturellen Ebene. Jeden Einkauf bspw. durchzieht ein gesellschaftliches Geflecht an Erntehelfern, Zuliefererinnen, Zwischenhändlern, Arbeiterinnen und Verkäufern. Oft globalisiert und durch den Markt der großen Rendite und kleinen Preise getrieben, kaufen wir doch nur „billig“ ein. Wir stehen mit unserer Tat am Ende einer Kette des gesellschaftlichen Unrechts, in der andere das bezahlen, was wir einsparen. Wir sind Gefangene in unserem selbsterschaffenen System und leben auf Kosten anderer. Millionen von Menschen arbeiten für unter einen Dollar am Tag, damit wir gut leben können - darunter viele Glaubensgeschwister. Diese tiefen strukturellen Probleme ziehen sich durch unser Leben und unsere Gesellschaft – und wir haben uns daran gewöhnt. Dies ist ein schleichender Prozess, der sich wie ein Gift durch das Christentum der westlichen Welt zieht. Nichtbeachtung der Menschenrechte bei Menschen mit Behinderung und/oder Migrationshintergrund; Rassismus; ausbeuterische Arbeitsbeziehungen durch Kinderarbeit oder Lohndumping; asymmetrische internationale Handelsbedingungen; gesellschaftlich akzeptierte Korruption, Vetternwirtschaft und Kriminalität, Waffenhandel und vieles mehr. An der kurzen Aufzählung wird deutlich: Hier wird eine Dimension gesellschaftlichen Unrechts angesprochen, die sich nicht auf ein individuelles Fehlverhalten reduzieren lässt.
Mitten in dieser Ungerechtigkeit gilt Gottes Liebe und Gerechtigkeit. Er ist der Handelnde, der uns Hoffnung gibt – und mit uns dieser Welt. Er sieht jeden einzelnen Menschen als wertvoll an und leidet mit (uns?) an und in den gesellschaftlichen Strukturen. Wir leben in einer Zwischenzeit, in der die Gerechtigkeit Gottes noch nicht wiederhergestellt ist, aber mit Jesus bricht das „Reich Gottes“ hier auf Erden an (Mt 6,33). Gottes Herrschaft in dieser Welt hat schon begonnen; mitten in der Brüchigkeit, in allem Leid und allem Versagen. Sie wird durch das Wirken Gottes immer wieder zeichenhaft sichtbar – sowohl auf der individuellen Beziehungsebene zwischen Gott und den Menschen als auch in den strukturellen Beziehungen unter uns Menschen. Wie bei Claire aus Uganda, die in einem kleinen Dorf in der Nähe der Hauptstadt von der Landwirtschaft lebt und Mais, Hirse, Bananen und Süßkartoffeln anpflanzt. Drei Hektar Land und ein kleines Haus sind Claires Heimat, die sie sich mit ihrem Ehemann aufgebaut hat. Er starb unerwartet an einem Herzinfarkt und als Witwe mit fünf kleinen Kindern hatte sie plötzlich keinerlei Rechte mehr. Die eigene Verwandtschaft nahm ihr Haus und Land weg, sie stand mittellos da. Die Polizei konnte oder wollte nichts unternehmen und Claire erging es wie jeder dritten Witwe in Uganda: Ihr Hab und Gut wurden ihr geraubt. International Justice Mission (IJM) erfuhr von dieser ausweglosen Situation von Claire und half ihr durch Anwälte und Sozialarbeiter Gerechtigkeit wiederherzustellen, was auch tatsächlich gelang. Der Schwager von Claire wurde verhaftet und sie bekam ihr Haus und Land zurück. (Abrufbar unter: https://bit.ly/2N6bVtM,;(letzter Zugriff: 15.05.2018).
Ein kleines Beispiel von Gerechtigkeit, aber eines von vielen. Organisationen wie IJM und viele andere NGOs nehmen den manchmal aussichtslosen Kampf gegen die „Maschine“ der Ungerechtigkeit auf. Sie sehen das Elend, hören das Geschrei der Unterdrückten und setzen sich im Namen Gottes für sie ein. Für mich ist das Vorbild und Motivation, dem in meinem Kontext nachzueifern, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern zu schauen, wo Menschen in meinem Umfeld Hilfe brauchen. Die sieht vielleicht anders aus als im alten Israel oder in Uganda, ist aber oftmals genauso dringend. Ich übersehe sie nur manchmal.
Vor einiger Zeit gab es eine Umfrage in Gemeinden und Kirche zum Thema „Armut“ (Volke, Faix 2010). Das Ergebnis war erschreckend, denn 15 Prozent der Befragten sagten, dass sie selbst in Armut leben und weitere 22 Prozent erklärten, dass sie sich von Armut bedroht fühlen. Und das mitten unter uns? Mitten in unseren christlichen Gemeinden? Armut ist in christlichen Kreisen oftmals ein Tabuthema, über das man kaum spricht. Wir müssen uns als Christinnen und Christen fragen, wo wir hinschauen und dadurch etwas verändern wollen. Der Theologe Ulrich Bach sagte zu Recht: „Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz.“ Gemeinde sollte als Anwältin der Benachteiligten, der Schwachen, Armen und Ausgegrenzten bekannt sein und die Gemeinwesenarbeit vor Ort prägen. So wird das Reich Gottes sichtbar unter uns Menschen. Jesus hat das immer wieder gepredigt (Lk 4,18 und 6,20) und gelebt. Er hat (dabei) die Menschen gesehen, berührt und geheilt, die keinen Platz in den gesellschaftlichen Strukturen hatten. Ich möchte dies exemplarisch an Markus 1,40 –44 deutlich machen:
Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen!“. Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. „Ich will es“, sagte er, „sei rein!“. Im selben Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war geheilt. Jesus schickte ihn daraufhin sofort weg. Mit aller Entschiedenheit ermahnte er ihn: „Hüte dich, mit jemand darüber zu sprechen! Geh stattdessen zum Priester, zeig dich ihm und bring für deine Reinigung das Opfer dar, das Mose vorgeschrieben hat. Das soll ein Zeichen für sie sein.“
Eine spannende Geschichte, die die Prinzipien von Gottes neuer Gerechtigkeit und dem Reich Gottes anschaulich macht. Die Priester waren in der damaligen Zeit für die Wiedereingliederung von „Unreinen“ (wie z. B. Aussätzigen) in die Gesellschaft verantwortlich. Denn, wer aussätzig war, galt nach dem Gesetz als unrein und musste gesondert leben, da bei Berührungen andere Menschen nicht nur angesteckt, sondern ebenfalls unrein wurden. Doch Jesus berührt den Aussätzigen. Die bisherigen Gesetzlichkeiten haben nicht mehr gegriffen, denn nicht Jesus wurde angesteckt, sondern der Aussätzige wurde rein. Durch die Prüfung des Priesters wurde er wieder in die gesellschaftliche Gemeinschaft integriert.
Das Evangelium Jesu hat die Kraft, die bisherigen Machtverhältnisse dieser Welt umzudrehen. Jesus sieht die Menschen und sucht den direkten Kontakt zu ihnen; isst, teilt und/oder läuft mit ihnen. Begegnungen durch Berührungen heilen nicht nur die individuellen Wunden, sondern integrieren die Menschen auch wieder in die soziale Gemeinschaft. Sie machen das Leben wieder lebenswert und zeigen somit ein Stück der Wiederherstellung Gottes hier auf Erden. Daher bin ich aufgefordert, meine Augen zu öffnen und meine Arme auszustrecken, denn ich bin oftmals blind und übersehe die Menschen, die allein und ausgegrenzt neben mir leben.
Ich habe mich in Marburg einige Jahre regelmäßig mit einem Obdachlosen zum Mittagessen getroffen, der jetzt leider verstorben ist. Er hieß Heio, war früher Psychiater und wurde dann selbst schizophren. Er hat seine Familie und sein Haus verloren und lebte seit vielen Jahren auf der Straße. Manchmal konnten wir uns sehr gut und intensiv unterhalten. Und manchmal waren wir auf der Flucht vor den sieben Zwergen, die Marburg erobern wollten. Heio ging einmal im Monat zu einem Heilungsgebet einer Gemeinde. Wir kamen darauf zu sprechen. Ich war etwas ungehalten und meinte, dass ich da wenig Auswirkungen sehen würde, denn Heio war nicht nur über 70 Jahre alt, er hatte auch mehrere schwere Krankheiten. Aber Heio lachte nur und meinte sehr liebevoll zu mir: „Tobias, du musst noch viel lernen in deinem Leben. Ich lebe seit über 20 Jahren auf der Straße und das Leben da ist verdammt hart. Aber einmal im Monat gehe ich zu diesen Christen und dann sind da zwei, drei Leute, die mir für 15 oder 20 Minuten die Hände auflegen, mich ansehen, mich ernst nehmen und für mich beten. Das macht sonst niemand und mir gibt das Kraft für die nächsten vier Wochen.“
Christus ist als Erlöser und Befreier in diese Welt gekommen. Es ist eine Befreiung von Konsum und Leistungszwang. Befreiung von falschem Selbstbezug. Befreiung von Abstumpfung und Orientierungslosigkeit. Befreiung von Anonymität und Vereinzelung. Befreiung von Sorgen und falschen Sicherheiten. Das Evangelium Christi ist eine gesundmachende Kraft, die sich inmitten unserer Gemeinschaft verbreitet. Sie ist offensiv und inklusiv und geht genau dahin, wo unsere Gesellschaft Menschen ausschließt. Diese Kraft zeigt sich im ganz normalen Miteinander, beim Essen, beim Einkaufen, in unseren Beziehungen – ja, beim einander Sehen und Berühren, bei der nächsten Begrüßung.
Das Reich Gottes mag klein und unauffällig sein wie ein Senfkorn, aber es wird unter uns wachsen und die Gerechtigkeit Gottes wird sich ausbreiten. Denn das kleinste Samenkorn wird die größte Wirkung haben. Wer seinen Glauben teilt, seine Zeit teilt, seinen Besitz teilt, der wird wachsen; nicht durch Gewalt, sondern durch Gewaltlosigkeit. Nicht durch Nehmen, sondern durch Geben wird das Reich Gottes sichtbar, mitten unter uns. So werden nicht nur andere, sondern wir selbst Stück für Stück durch den Geist Gottes erneuert und die bessere Gerechtigkeit Christi (Mt 5,20) wird unter uns sichtbar werden. Gerechtigkeit können wir dabei nicht aus eigener Kraft erreichen, aber durch Christus sind wir im Glauben gerecht und können Anteil haben an seiner Gerechtigkeit. Wir können die Augen aufmachen, jene zu unterstützen, die den Kampf gegen die „Maschinen“ und, um die zu sehen und zu berühren, die gerade unsere Nähe und Hilfe brauchen.
Dieses Christsein lebt aus der eschatologischen Kraft; von der Gewissheit, dass Christus wiederkommt und sein „neues Jerusalem“ in aller Gerechtigkeit endgültig aufbauen wird. Diese Hoffnung bestimmt schon jetzt unser Denken und Handeln und verändert unsere Gegenwart: in Marburg, in Uganda und in der ganzen Welt.
In diesem Sinne: Amen und Schalom.
Hoffnung für alle (2013): Die Gerechtigkeitsbibel.: Die komplette Bibel mit 3.150 hervorgehobenen Bibelstellen zu Armut und Gerechtigkeit. Brunnen Verlag.
Faix, Tobias; Kröck, Thomas; Roller, Dietmar (2016): Schrei nach Gerechtigkeit. Verlag der Franckebuchhandlung.
Volke, Steve; Faix, Tobias (2010): Weltblick - Was Christen über Armut denken: Die Compassion-Studie. Neufeld Verlag.