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Über IJM
Freiheit. Ein großes Wort, mit Pathos vorgetragen. Freiheit. Ein Allerweltswort, das unbedacht durch unsere Gespräche fliegt. Es gibt ja kaum einen Begriff, der so oft zu hören ist wie der der Freiheit. Tänzelnde Frauen beobachten sich selbst im Schaufenster und rufen entzückt: „Ich bin so frei.“ Dabei halten sie mehrere Einkaufstüten in die Kamera. Freiheit ist hier verkommen zur Freiheit, sich auch noch die achte rote Bluse zu kaufen, per Mausklick rund um die Uhr. Freiheit, reduziert auf die Freiheit der Konsumenten. Was waren das für Zeiten, als schon der Begriff der Freiheit einen Glanz auf die Augen des Gesprächspartners zauberte. Einen fernen Reflex dieses Funkelns erleben wir, wenn junge Menschen aus Ägypten, Tunesien oder China von Freiheit reden. Sie sprechen mit ernstem Blick in die Kameras europäischer Sendeanstalten und wir ahnen etwas von dem Versprechen, das einmal in diesem großen Leitwort der westlichen Welt stand. Freiheit war einmal ein Sehnsuchtswort. Die politischen Freiheiten sind uns so selbstverständlich geworden, dass es nicht einmal handfeste Abhörskandale oder die alarmierenden Reden von Datenschützern schaffen, uns daran zu erinnern, wie wenig selbstverständlich unsere bürgerlichen Freiheiten sind, zu denen ja auch die vornehmste Freiheit von allen gehört, an die Christen der Reformation unbedingt erinnern sollten: die Gewissensfreiheit und die Freiheit des religiösen Bekenntnisses. Freiheit ist für viele Menschen heute eher ein Wort, das für Überforderung steht. In einer Gesellschaft, in der von der Wahl des Joghurts bis zur Wahl der Lebensform ständig eine freie Entscheidung verlangt wird, erleben viele Menschen das Maß der Freiheit als Zwang. Experten für die Seelenlage der Menschen in der Spätmoderne sprechen sogar von der „Diktatur der Freiheit“.
Das Versprechen, ständig alle Möglichkeiten zu haben, macht Menschen müde und misstrauisch. Kürzlich im Gespräch mit einer Frau in ihren späten Dreißigern kam diese Überforderung so zum Ausdruck: „Wie kann ich mich denn an einen Menschen binden, wenn der eine, der erträumte Märchenprinz vielleicht in jedem Moment um die Ecke kommen könnte?“ Sogar die Liebe fällt der Freiheit zum Opfer und wird verstanden als die immer ausstehende, bessere Möglichkeit, vor deren Hintergrund das eigene Leben nie wirklich angefangen hat. Im unendlichen Raum der Optionen verlieren Menschen sich wie in einem Dschungel. Es ist deshalb nur kurzfristig Anlass zur Verwunderung, wenn unter denen, die heute handfest werden, junge, hochgebildete Menschen sind. Sogar das protestantische Bildungspathos hat offenbar einen Schatten. Mehrsprachig und an Eliteuniversitäten ausgebildet, erstarrt diese Bildungselite vor den Möglichkeiten, die sie hat und implodiert. Das Maß der Freiheit ist ausgekostet. Aber sich festzulegen, irgendwo anzukommen und sich verantwortlich zu erklären wird unmöglich. „Lernt was, dann gehört Euch die Welt“, haben diese jungen Menschen ihr Leben lang gehört. Jetzt erdrückt sie das Maß der Möglichkeiten. Die Freiheit der Wahl führt zu Einsamkeit und Selbstverachtung, denn wer im Reich der Freiheit versagt, ist selber schuld.
Freiheit wird auch moralisch zweideutiger: täglich diskreditiert als die Freiheit, die sich Menschen auf Kosten anderer nehmen. Auf den freien Kapitalmärkten werden die bürgerlichen Werte Maß, Vertrauen und Gerechtigkeit verzockt. Mit dem Ellenbogen nimmt sich jeder die Freiheit, möglichst noch den letzten Sitzplatz zu ergattern und im Namen der Freiheit werden Menschen, die anders sind, beschimpft, gedemütigt und drangsaliert. Freiheit ist bitter geworden, sie gilt als Option der Starken gegen die Schwachen, als Motor für Bereicherung und eigenen Vorteil. Viele Menschen sehnen sich im Grunde vor allem nach Sicherheit und würden viele Freiheiten freiwillig abgeben. Sogar handfeste Demütigungen in der Öffentlichkeit werden heute mit Hinweis auf die Freiheit entschuldigt. Es muss sich ja niemand im sogenannten Reality-TV vorführen lassen, heißt es aus den Sendeanstalten. Freiheit siegt über die Würde. Dann und wann blitzt noch auf, was mit inneren und äußeren Freiheiten gemeint war: etwa, wenn Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, von den täglichen Schikanen erzählen, von einer Kultur des äußeren Zwangs, der allmählich auf das Innerste des Menschen übergriff wie ein giftiger Pilz, der von außen nach innen wuchert. Doch meistens ist der Euphorie der Freiheit eine subtile Erschöpfung gewichen, die sich bis in den gesellschaftlichen und politischen Raum bemerkbar macht.
Ist die große Freiheitsschrift Luthers aus dem Jahr 1521, an die ich heute erinnern will, da mehr als ein historischer Kommentar, eine Art christentumsgeschichtliche Vorgeschichte einer längst vergangenen Sehnsucht nach Freiheit? Ich glaube, als symbolischer Erinnerungsort der Reformation gehört das Traktat von der Freiheit eines Christenmenschen mitten in die Freiheitsskepsis unserer Gegenwart, und zwar aus zweierlei Gründen. Zum einen kann mit Luthers Überlegungen des an seinen Pauluslektüren gewonnenen geistlichen Freiheitsverständnisses der verflachte, banale Sinn von Freiheit neu vertieft und erweitert werden. Zum anderen kann von diesem evangelischen Freiheitsverständnis, an das Martin Luther uns heute erinnert, die Banalisierung der Freiheit selbst korrigiert werden. Protestantinnen und Protestanten, die das reformatorische Erbe ernst nehmen, beteiligen sich an der Diskussion um wahre und falsche Freiheit.
Betreten Sie mit mir diese symbolische Stätte der Reformation. Klettern Sie die Stufen herauf zu dem zentralen Platz, von dem aus der Blick auf die Welt und auf uns selbst sich verändert. Hören Sie die beiden zentralen Sätze. Keiner der Sätze kann ohne den anderen sein, auch wenn es so aussieht, als sprächen sie sich wechselseitig ihren Sinn ab. Sie kennen sie natürlich, aber das, woran man sich erinnern soll, kann gar nicht oft genug memoriert werden. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Diese Sätze gehören zum Einmaleins der Reformation. Die innere Spannung, die den ersten und zweiten Satz auseinanderzureißen droht, gehört zur grundstützenden Einsicht Luthers. Er kaschiert diesen Widerspruch nicht, sondern macht ihn zum Ausgangspunkt seiner Argumentation. Warum geht es? Menschsein heißt in Spannung zu leben zwischen Zwang und Freiheit. Das Problem ist nur, dass Menschen sich an der falschen Stelle frei fühlen, weshalb sie sich an der falschen Stelle in Unfreiheit begeben. Luther geht es um nicht weniger als den Menschen im Horizont Gottes. Luther nennt das den „geistlichen Menschen“, ihm geht es um die Seele und damit um eine Freiheit, die mehr und anders ist als die Freiheit zu einem guten Leben. Die Freiheit, die unser Menschsein aufs Spiel setzt, ist die Freiheit, die man auch krank und bewegungslos, äußerlich gefangen und bedrängt haben kann. Der Reformator beendet seine Diagnose mit der ebenso hellsichtigen wie zeitlosen Feststellung, dass Menschen glauben, sie könnten sich ihre Freiheit ergaunern, indem sie sich von Verpflichtungen und Zwängen freikaufen.
Natürlich hat Martin Luther hier zuallererst das Ablasssystem der frühen Neuzeit im Blick, das einem ausgefeilten frühkapitalistischen Heilsmarkt ähnelt, an dem viele verdienen, nur die nicht, die um ihren Seelenfrieden zittern. Weltliche und kirchliche Herrscher haben an diesem System käuflicher Sündenfreiheit in gleicher Weise verdient. Gegen diese Art wettert Luther mit einem Bild, das in die käufliche Freiheit unsrer modernen Gesellschaft genauso gut passt. „Ein Volk von Gleißnern und Blendern“ sind wir, die in ein komplexes Gewebe aus Glücksinvestitionen und Freiheitshändel verwickelt sind. Wir lassen uns von Turnschuhherstellern Glück und von Finanzdienstleistern Sicherheit vorgaukeln, wir inszenieren uns als möglichst fehlerfreie Subjekte, denn die Fehlertoleranz geht, übrigens auch in der Kirche, gegen Null. Weil Versagen sofort bestraft wird und der Ansehensverlust tödlich sein kann, investieren wir in die bessere Ausgabe unserer selbst, in konsumkritischen Milieus geht das übrigens auch politisch hochkorrekt. Eine Studie über die Gewissen der ökologisch korrekten bürgerlichen und kirchlichen Eliten hat herausgefunden, dass Bettler besser vor Discountern als vor Bioläden sitzen. Hier kaufen sich die Besserverdienenden ein gutes Gewissen. Wir sollten uns deshalb gründlicher fragen, auf welche modernen Ablasshändel wir uns eingelassen haben, um unsere Seele von dem inneren Druck zu entlasten und frei zu werden. Luther legt seine Finger in die Wunde: Was für eine Freiheit spielen wir uns vor, selbst dann, wenn wir es schrecklich ernst meinen? Dagegen setzt Luther nur ein echtes Freiheitsversprechen, das auch hält, was es spricht: Es ist das Wort Gottes von der befreienden Gnade Gottes. Dieses Wort ist „Speise, Freude, Friede, Licht, Kunst, Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und alles gut überschwänglich“.
Wir sollten uns diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen. Das Evangelium davon, dass Gott uns von dem Druck befreit, uns selbst zu befreien, ist alles andere als trocken und lebensfern. Aber es setzt eine nüchterne Sicht auf uns selbst voraus. Schluss mit der Selbsttäuschung, ruft er uns zu. Wir vermögen es nicht, uns von den Zwängen zu befreien, nicht mal von denen, die wir uns selbst auferlegen. Wir haben uns hoffnungslos verfangen in einem System der Leistungspunkte. Deshalb sind wir erst wahrhaft frei, wenn wir uns in die Abhängigkeit Gottes begeben. Erst in dieser Beziehung können wir aus dem Teufelskreis der Tauschgeschäfte ausbrechen, in die wir uns immer wieder begeben.
Für Martin Luther ist Freiheit ein Beziehungswort. In der Rückbindung an Gott verändern sich die Verhältnisse, vor allem die Größenverhältnisse. Ein freier Christenmensch ist für Martin Luther einer, der in der Bindung an Gott die Relationen seines Lebens neu einschätzt. Er erlangt sozusagen eine nüchterne geistliche Urteilskraft, die ihm hilft, sich nicht von allem und jedem packen zu lassen. Nichts hat nun das Recht, über ihn zu bestimmen außer Gott. Das macht in der Tat frei gegenüber allen Instanzen. Diese innere Unabhängigkeit ermöglicht es, auch die Freiheitsversprechen der Moderne gelassener zu beurteilen. Vor allem macht es wach gegenüber allen, die innere und äußere Freiheiten opfern wollen, um Menschen gefügig zu machen. Den Autokraten der Welt darf diese innere Unabhängigkeit nicht gefallen.
Weder Angst noch Katastrophensehnsucht, auch nicht die protestantische Lust zum Welteindunkeln noch die blinde Fortschrittseuphorie, sondern das klare Abwägen, das genaue Hinsehen und der differenzierte Blicksind Ausdruck dieser geistlichen Urteilskraft. Diese Haltung einzunehmen ist angesichts der Lage der Welt gar nicht so einfach. Wie viel leichter wäre es, lustvoll an den Katastrophenszenarien mit zu malen, die sich am europäischen Horizont abzeichnen oder, noch schlimmer, zynisch die Achseln zu zucken, weil man ja eh nichts ändern kann. Die Spannungen, die wir Christenmenschen auszuhalten haben, hat Luther uns ja nicht erspart.
Deshalb komme ich nun zum zweiten Satz, der die Freiheitsschrift Martin Luthers leitet: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Dieser Satz entfaltet seine Kraft vom ersten Satz her. Als freie Christenmenschen sind wir dienstbare Knechte und jedermann untertan. Luther entfaltet in diesem Satz eigentlich das, was Dietrich Bonhoeffer einmal „Ethik der Dankbarkeit“ genannt hat. Keine menschliche Handlung oder Geste, und sei sie noch so moralisch und selbstlos, kann uns die innere Freiheit erkaufen, die mit dem Gefühl kommt, ein einigermaßen guter Mensch zu sein. Nicht einmal ein religiös vortreffliches Leben mit sieben Ehrenämtern.
Aber weil wir ohne Leistungspunkte, ohne eine Spur von Perfektion, mit allen Abgründen und Fehlern von Gott geachtet und gewürdigt sind, fällt der Druck von uns ab, das Beste aus uns machen zu müssen. Aus dieser wunderbaren Erfahrung der Freiheit erwächst eine Haltung zum Leben, die zum Dienst bereit macht. Dienst ist ein ziemlich altmodisches Wort. Es klingt nach Demut und Unterordnung. Genauso ist es auch gemeint. Aber diese Haltung als Dankbarkeit ordnet sich der Idee des Reiches Gottes unter. Sie will dem Wohlergehen des Anderen dienen.
Deshalb ist protestantische Ethik im ursprünglichen Sinne eine Ethik der Verantwortung, eine Lebensführung, die sich verantwortet, die der Botschaft von der Selbstbefreiung, die in Gottes Zusage liegt, antwortet. So wie die Freiheit bei Martin Luther ein Beziehungswort ist, so ist es auch die Bindung. Was aber könnte die Haltung sein, die unserer Bereitschaft zum Dienst in diesen Tagen am nachdrücklichsten Ausdruck verleiht? Ich glaube, es ist die antifatalistische Botschaft des Evangeliums. Wir sollen vor falscher Freiheit warnen und die Kulissenschiebereien um vermeintliche Freiheiten, die genau ihr Gegenteil verbergen, entlarven. Wir sollten eintreten gegen die, die sich die Freiheit auf Kosten anderer nehmen. Dazu gehören übrigens für mich mehr denn je auch die Freiheiten, die mit dem Schutz der Privatheit einhergehen. Informelle Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Die Zwänge, die aus den Algorithmen erwachsen, die jedes Individuum auf tausenderlei Berechenbarkeiten zurechnen, mögen jetzt noch harmlos sein.
Aber was wäre, wenn all die Informationen über uns in die Hände nicht ganz so demokratischer Machthaber gerieten? Was, wenn Prognosen über Menschen unsere Sicherheits- und Versicherungssysteme herausforderten? Die eine kriegt mit 60 prozentiger Wahrscheinlichkeit Krebs, der andere wird mit 80 prozentiger Sicherheit zum Mörder. Martin Luther hat immer wieder betont, dass nur Gott das Herz ansieht. Das sagt er auch gegen das religiöse Kontrollsystem seiner Zeit. Eine befreiende Botschaft, die Konsequenzen für unsere Vorstellung von dem hat, was theologisch eine Person ist.
Das Erbe der Reformation kann brisant werden! Vor allem sollten wir uns dem grassierenden Fatalismus entgegenstemmen, der zynisch oder verbittert oder achselzuckend auf die Welt blickt und sich um das kleine private Glück kümmert, solange es noch geht. Deshalb ist die Kirche der Freiheit eine Kirche, die denen ein Fluchtort wird, die den Zumutungen der freien Gesellschaften entfliehen wollen, aber nicht so, dass wir eine heimelige Gegenwelt inszenieren, in der die böse Welt uns nichts anhaben kann. Wir sollten uns vielmehr ein Herz fassen und bezeugen, was uns viel zu selten bis ins Mark erschüttert und beglückt. Dass Gott uns frei macht und deshalb zu einem Leben befreit, das die Freiheit, in der wir leben, als Gestaltungsaufgabe begreift, in der Selbstverantwortung und Selbstverpflichtung als taugliches Lebenskonzept begriffen werden. Das ist riskant, weil nicht alle dem geistlichen Freiheitsverständnis folgen werden, das uns seit Martin Luther bewegt. Das ist anstrengend, denn wo äußerliche Regeln die Sicherheit in der eigenen Religion nicht mehr garantieren und Unterwerfung unter die Macht der Kirche kein Ausweg ist, beginnt auch der Zweifel, dieses Nachtschattengewächs auf dem Boden der christlichen Freiheit. Wieviel leichter wäre es da, die großen Fragen an andere abzugeben, an Bischöfinnen oder professionelle Religionskundler.
Doch die Gewissheit, dass wir bei Gott fest verankert sind, kann uns mutiger machen, kräftiger, entschlossener, als wir es sind, sogar da, wo es gilt, Fragen auf den Grund zu gehen. Gottes Freiheit kann uns über uns hinaus wachsen lassen. „Siehe das ist die rechte, geistliche, christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Gott gebe uns, das recht zu verstehen und zu behalten.“