Jesus der Anwalt

Jesus der Anwalt

Prof. Dr. Thorsten Dietz

Theologe, Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor und Privatdozent an der Universität Marburg

Lukas 10,38-42

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

DIE BÖSE ÜBERRASCHUNG

Jesus verhält sich hier anders als erwartet. Ganz vornehm könnte man sagen: kontraintuitiv; anders, als es dem Bild, was man von ihm hat, entspräche. Wenn man so eine Geschichte gut kennt, bemerkt man so etwas nicht immer. Aber es ist doch offensichtlich, dass Marta überrascht gewesen sein dürfte. Sie hatte eine sehr klare Erwartung, was Jesus sagen sollte. Hätte sie ein solches Ende auch nur ansatzweise vermutet, hätte sie nicht gefragt. Und man kann noch mehr sagen: Auch die Jünger, auch die ersten Hörer, dürften überrascht gewesen sein; sonst stünde diese Geschichte gar nicht im Neuen Testament.

Antworten, die alle erwartet hätten und die jeder genauso gegeben hätte, werden gar nicht weiter berichtet oder gar aufgeschrieben. Jede kleine Episode in den Evangelien steht da, weil Menschen sie tausendfach abgeschrieben haben, unter Verfolgung, auf der Flucht. Im Grunde enthält jede kleine biblische Episode eine solche Überraschung. In diesem Fall: eine böse Überraschung für Marta.

Was war für Marta die Überraschung, ja der Schock? Stellen wir uns einmal ganz an ihre Seite. Da hat sie das Haus voller Gäste – und steht ganz allein in der Küche. Was hier und heute Abend in diesem Hause geschieht, kann doch nicht richtig sein: Gastfreundschaft ist heilig. Das weiß man in Israel genauso wie im ganzen Vorderen Orient damals und heute. Da weiß man und frau, was zu tun ist. Da müssen alle im Haus anpacken, dass sich die Gäste wohlfühlen.
Alle heißt natürlich: alle Frauen und die Sklaven, falls vorhanden. Bei armen Leuten: die Frauen. Da kann man sich bestimmt absprechen, was wirklich nötig ist, wer wann, wie und wo gebraucht wird usw. Aber was nicht geht, ist, dass da eine einfach verschwindet. Das geht gar nicht. Auch nicht, wenn es die eigene Schwester ist. Oder besser: Gerade dann nicht.

Es spricht auch nichts dafür, dass das in Häusern von Jesusanhängern anders sein sollte. Dienen ist doch schließlich ein Höchstwert in der Verkündigung des Mannes aus Nazareth. Jesus konnte doch sagen:
So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele. Matthäus 20, 26–28

Wie kann man das so ignorieren? Wie kann da so eine Situation entstehen, dass Marta ganz allein in der Küche steht und allein dienen, allein alles stemmen muss? Da passt was nicht zusammen. Man kann nicht Predigten über das Dienen und Helfen anhören – und dann alles an einer allein hängen lassen. Marta wird sich gedacht haben:

So etwas muss Jesus selbst einmal geraderücken, auch wenn es ein kleiner Skandal ist. Wenn bei seinen Anhängern Botschaft und Verhalten völlig auseinanderklaffen, fällt das ja auch auf ihn zurück.

Mit solchen Überlegungen wird Marta zu Jesus gekommen sein. Und wenn man mit einer entsprechenden Erwartung an Jesus herantritt, dass er die Dinge richtet, dann ist es wirklich eine böse Überraschung, wie Jesus reagiert.

IST DIE BOTSCHAFT WICHTIGER ALS DER DIENST?

In der Auslegungsgeschichte zu dieser Erzählung gibt es eine klassische Lösung, wie das merkwürdige Verhalten Jesu erklärt wird: Ja, Dienen ist wichtig, es ist ein Höchstwert des Glaubens. Im Lukasevangelium wird diese Botschaft in der Passionsgeschichte noch einmal aufgegriffen

Er aber sprach zu ihnen: Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener. Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist's nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener. Lukas 22,25–27

Dienen ist ein Höchstwert. Aber die Botschaft ist ein Allerhöchstwert. Denn die Botschaft vom Erbarmen Gottes ist die Wurzel und die Kraft allen echten Dienens. Wenn du den Erschlagenen da liegen siehst, dann ist es richtig, ihm zu helfen. Dann kannst du nicht sagen: Aber ich memoriere gerade Bibelverse. Im Normalfall mach deine Arbeit. Im Notfall helfe den Bedrängten. Es sei denn: Das Wort Gottes wird verkündigt.
Daher, so eine traditionelle Auslegung, macht dieser Text eine klare Hierarchie deutlich: Predigen und Hören sind das Wichtigste, nicht die tätige Hilfe. Das kontemplative Leben ist die Mitte des Glaubens, nicht das aktive. So wurde diese Geschichte immer wieder ausgelegt. Aber ist das wirklich die Botschaft dieser kleinen Geschichte?

Ist es das, was Jesus sagt? Hätte er dann nicht klar und deutlich sagen können: Marta, wenn Küche, dann Küche, aber wenn Gottesdienst, dann Gottesdienst, das hier ist wichtig, setz dich und hör zu! Das sagt er aber nicht. Er sagt: Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. Lukas 10,42
Was heißt das jetzt? Geh zurück in die Küche, Marta? Ist das nicht extrem ungerecht?

DER WAHRE KONFLIKT

Setzen wir noch einmal neu an. Es geht an dieser Stelle nicht um die Wertigkeit von Dienst und Verkündigung. Jesus stellt Marta ja nicht einfach bloß als eine dar, die falsche Prioritäten setzt. Ihre Mühe wird ausdrücklich anerkannt. Hier spielt etwas anderes mit hinein.

Begeben wir uns nun einmal an die Seite Marias. Dann ist es die Geschichte einer Bloßstellung. Es ist ja erstaunlich, wie viel Gift man in ein paar kleine Worte packen kann. „Sie lässt mich allein dienen und fragt nicht danach.“ Das alles lernt man aus diesen Worten über Maria:
•Sie ist pflichtvergessen.
• Sie ist egoistisch.
• Sie ist faul.
• Sie ist nicht teamfähig.
• Sie ist von sich aus nicht korrekturfähig.
• Sie reagiert höchstens auf Druck.

„Sie kommt auch jetzt nicht auf die Idee, mir zu helfen. Du, Jesus, musst es ihr sagen. Auf mich würde sie nicht hören. Ich habe sie aufgegeben. Sonst hätte ich sie ja angesprochen.“
Vor versammelter Mannschaft wird Marias Versagen ausgebreitet. Und da muss man jetzt gar nicht anfangen nach Erklärungen zu suchen: Damals gab es noch viel mehr als heute eine Schamkultur, so was muss ja ein ungeheurer Gesichtsverlust vor der Öffentlichkeit und sogar vor Jesus gewesen sein, eine ungeheure Demütigung. Das kann auch heute noch jeder so empfinden.

Wie geht Jesus damit um? Das ist eine ganz schöne Herausforderung. Denn es ist völlig verständlich, dass Marta Frust hat. Und: Wie sie hier ihre Schwester Maria bloßstellt, ist ganz schön brutal. Ist das das Ergebnis der vielen Predigten und der persönlichen Begegnung mit Jesus – so ein Scherbenhaufen? Was sind denn in einer solchen Lage nun die richtigen Worte?

DIE RICHTIGE ANTWORT

Stellen wir uns einmal für einen Moment vor: Wir hätten das ganze Neue Testament und kennen es gut. Und wir hätten auch den Anfang dieser Geschichte, genau bis zu dieser Frage. Aber leider wäre die Antwort Jesu verloren gegangen. Wir wüssten alles über ihn, nur nicht seine Antwort genau jetzt in dieser Situation. Wären wir in der Lage, eine gute, richtige Antwort zu erfinden, die zu Jesus passt? Was käme heraus im Gemeindemitarbeiterkreis, in der Bibelstunde? Was würden wir vermuten, was Jesus sagen würde, wenn wir seine Antworten nicht kennen würden?

Würden wir auf die Idee kommen, Maria recht zu geben? Macht Maria hier alles richtig? Wäre das eine Lebensregel: Wenn das Wort des Lebens zu hören ist in deiner Nähe, dann höre? Und tue es einfach. Sprich dich nicht mit deiner Schwester ab. Gehe keinen Kompromiss ein. Lass sie allein dienen, passt schon?
Ist es das? Würden die meisten von uns nicht Dinge vorschlagen wie: Sprecht euch demnächst besser ab! Sucht eine gemeinsame Lösung! Denk nicht nur jede an sich!
Oder würden wir vorschlagen: Jesus muss der Marta einfach präziser die Leviten lesen. Er könnte es direkt ansprechen und sagen: Marta, fragst du nicht danach, wie sich deine Schwester fühlen muss nach deinem Angriff? Offenbar nicht. Du hast deine Schwester gedemütigt vor allen Augen und Ohren. Vielleicht hast du in der Sache recht. Aber so wird es auch nicht besser.
Ich bin mir sicher: Auf Jesu Antwort wären wir nicht gekommen. Sie ist so undeutlich. Jesus versucht nicht, den Konflikt zu lösen. Das ist irgendwie typisch für ihn. Etwas später heißt es im Lukasevangelium.
Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile. Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter über euch gesetzt? Lukas 12,13–14

So könnte er auch hier sagen: Sorry, aber ich bin nicht gekommen, eure Haushaltsorganisation oder die Küchenplanung zu übernehmen. Was macht Jesus mit seiner Antwort aber dann? Was ist ihr Sinn, ihre Bedeutung? Ich schlage folgende Deutung vor.

JESUS ALS ANWALT

Jesus macht sich in dieser Situation zum Anwalt. Zum Fürsprecher. Das ist das Entscheidende. Bevor wir das vertiefen, schauen wir uns die Situation noch einmal insgesamt an. Für die meisten, wenn nicht alle, die man damals gefragt hätte, wäre der Fall klar gewesen. Maria ist schuld. Marta hat recht. Maria verhält sich hier wie ein Mann. Sie bricht einfach aus. Das ist ein Skandal. In ihrer Zeit ist das absolut ungehörig. Es ist ein Frauenversagen, dass die beiden das nicht hinbekommen. Und der Schuldige ist leicht auszumachen. Wie die Frauen den Männern untertan sind, so die Jüngeren den Älteren. So ist es, das ist die Ordnung der damaligen Zeit. Und in den meisten Kulturen der Welt ist das bis heute die verbindliche Ordnung.

Jesu Antwort ist daher verstörend. Sie stellt alles auf den Kopf. Und: Er stellt auch nicht einfach andere Normen auf (Verkündigung ist wichtiger als Diakonie), an denen gemessen Maria die Gute und Marta die Böse ist. Jesus löst den Konflikt nicht auf der Ebene von solchen oder anderen Normen.

Was können wir aus dieser Geschichte lernen? Normen müssen den Menschen dienen. Wenn Normen Menschen kaputt machen, stimmt etwas nicht mit ihnen. Jesus wird hineingezogen, weil er in diesem Setting ganz oben in der Hierarchie steht, als Rabbi, als Meister, als Lehrer. Er soll in Ordnung bringen, was nicht in Ordnung ist. Und dieser Erwartung verweigert er sich. Er macht das einfach nicht. Er lässt sich nicht auf die Frage ein, was richtig und was falsch ist. Er steigt nicht ein in die Diskussion der richtigen Ordnung. Er wendet sich den Menschen zu.

JESUS MACHT SICH ZUM ANWALT – FÜR DIE MENSCHEN UND NICHT FÜR DIE ORDNUNG

Er gibt nicht vor: So ist es richtig und so ist es falsch. Das lässt er offen. Das überlässt er ihnen. Sie müssen selbst eine Lösung finden. Sie müssen miteinander reden und das Richtige finden, eine Lösung, mit der alle leben können. Er gibt ihnen eine Richtung, kein „Jetzt macht es so und so.“ Kein: Erst hören, dann spülen. Schade, könnte man sagen, warum klärt er diese Frage nicht eindeutig? Sollen die denn jetzt selbst entscheiden, was richtig ist? Ja, genau. Sie sollen es selbst entscheiden.

Stattdessen macht er etwas anderes. Er macht sich zum Anwalt der Angegriffenen. Jesus ist unser Anwalt. Das ist das Evangelium. Er stellt sich vor allem an die Seite Marias. Und er formuliert seine Antwort so, dass er Marta widerspricht, aber nicht bloßstellt, angreift oder verurteilt. Er ist Fürsprecher, nicht Gegensprecher. Das ist sein Weg. Das ist das Evangelium, dass der Mensch wichtiger ist als die Ordnungen.

Darum spricht Jesus beide mit Namen an. Das ist immer ein spannendes Zeichen: Keiner von uns kennt die Geschichte von Lazarus und Johannes oder Jakobus. Es ist die Geschichte von Lazarus und dem reichen Mann. Nur einer wird mit Namen genannt. Wir kennen den blinden Bartimäus oder die Zöllner Matthäus und Zachäus. Andere heißen hingegen: der reiche Jüngling. Jesus spricht beide mit Namen an. Diese Episode führte nicht zum Ende einer dysfunktionalen Familie. Maria und Marta bleiben die bevorzugte Herberge Jesu.

Kontemplation ist nicht wichtiger als Aktion, Lehre nicht wesentlicher als Liebe. Genauso wenig umgekehrt. Taten zählen nicht mehr als Worte. Werke haben keinen Vorrang vor Glauben. Erst der Mensch und dann die Dinge. So ist es im Himmel und auf Erden. Wenn du recht behältst und die Menschen verlierst, hast Du alles verloren.

HEUTE ZUM ANWALT WERDEN

Was können wir denn nun aus dieser Geschichte lernen? Glaube produziert nie einfache Gebrauchsanweisungen. Jesus macht seine Schüler zu Nachahmern seiner Person, nicht zu Regelbefolgern. Jede Situation ist anders und neu. Du weißt nicht, was dich erwarten wird: der Erschlagene am Wegesrand oder der Rabbi zum Abendessen. Und auf einmal bist du gefragt. Dann musst du entscheiden.

Jetzt ist Gottesdienst. Und jetzt hören wir das eine, das Not tut. Jesus ist unser Anwalt. Menschsein heißt, einen Anwalt brauchen. Einen Fürsprecher. Manchmal, weil man etwas vermasselt hat. Manchmal, weil andere das denken. Manchmal kommt beides zusammen, und manchmal denkt man es nur selbst über sich, und manchmal ist das die allerschlimmste Situation. Jesus ist unser Anwalt, unser Fürsprecher, nicht unser Gegensprecher. Von dieser Botschaft lebt der christliche Glaube. In seiner Verkündigung und in seinem Dienst. In seinen Worten und in seinen Taten. Am Sonntag und im Alltag.

Wo wir Jesus Christus verkündigen als Anwalt der Überhörten und Übersehenen, werden wir anders auf Konflikte schauen. Wir werden anders leben und anders reden. Manchmal muss man seine Worte ändern, manchmal sein Verhalten, manchmal auch die Ordnungen und Strukturen. Heute sehen wir in der Geschichte von Maria und Marta (hoffentlich!) auch etwas, worauf man 2.000 Jahre lang nicht gekommen ist.

Damals wird Jesus hineingezogen in ein Frauenproblem. Wer ist zuständig für die Küche? Naja, alle würden sagen: Maria und Marta. In der damaligen Zeit wäre kein Jünger auf die Idee gekommen, zu sagen: Wie dumm, dass wir die Frauen damit allein lassen. Ich helfe auch mit. Marta, setz dich zu Maria. Das ist ja alles völlig ungerecht verteilt, wie das bei uns läuft. Es hat Jahrtausende gebraucht, auf diese Idee zu kommen. Hätte Jesus das nicht sagen können? Nein, Jesus hält hier auch keinen Vortrag über Frauenbefreiung. Er klärt letztlich nur die Prioritäten. Der Mensch ist nicht gemacht um des Sabbats willen, sondern der Sabbat um des Menschen willen. Menschen, das sind Frauen und Männer. Darum ist es gut, dass Maria hier sitzt und zuhört.

Ich bin davon überzeugt, Gott wollte, dass wir irgendwann selbst darauf kommen: Warum ist Hausarbeit verteilt, wie sie es ist? Geht das auch anders? Geht es gerechter? Gibt es hier in dieser Geschichte vielleicht nicht nur ein Marta-Problem, sondern auch ein Problem der Geschlechtergerechtigkeit? Und sollten wir in solchen Fragen Anwaltschaft übernehmen?

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