Vergebung von Schulden

Vergebung von Schulden

Prof. Dr. Franz Segbers

ist alt-katholischer Priester.
Bis 2011 war er Referent für Arbeit, Ethik und Sozialpolitik im Diakonischen Werk Hessen und bis zu seiner Emeritierung 2014 Professor für Sozialethik im Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg.

… und vergib uns unsere Schulden wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Matthäus 6,12

I. MAN MUSS SEINE SCHULDEN BEZAHLEN

Verträge müssen eingehalten werden und Schulden müssen bezahlt werden. Wenn Jugendliche Handyschulden haben, ist es gut, sie daran zu gewöhnen, dass sie so leben, dass sie keine Schulden machen. Wer sein Auto auf Pump kauft, der weiß, dass er seinen Kredit bedienen muss. Und die Darlehen für das Haus oder die Eigentumswohnung müssen auch bezahlt werden.

Doch Millionen Menschen in unserem Land können es nicht, weil sie überschuldet sind. Sie stecken in einem Schuldenturm ohne Entrinnen. Meist lag der Grund nicht in eigenem Fehlverhalten, sondern in Arbeitslosigkeit, Krankheit oder auch einer Scheidung.

Schulden sind nicht nur ein Problem von privaten Haushalten. Es gibt sie weltweit. Ganze Länder sind überschuldet. Die Zins-, Zinseszins-, und Tilgungslasten würgen ganze Länder. Dann müssen sie Schulen oder Krankenhäuser schließen, um die Schulden bezahlen zu können.

Papst Franziskus nennt diesen Zustand in seinem Schreiben „Freude des Evangeliums“ „eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt“ (Ziff. 56). Es sind Abhängigkeiten entstanden, aus denen sich Länder nicht mehr befreien können. Dabei ist es den Geldgebern meist recht gleichgültig, wem sie Geld verleihen; Hauptsache der Vertrag war lukrativ und verspricht hohe Zinsen.

Es gab im Jahr 2000 nach einer globalen Erlassjahrkampagne einen Schuldenerlass für 41 der weltweit ärmsten und hoch verschuldeten Länder. Das zeigt: Man muss nicht immer alle Schulden zahlen. Die Schuldenkrise, unter der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts Länder des globalen Südens litten, ist nun auch zu einem Problem in Europa geworden.

Seine Schulden zu zahlen, gilt als moralische Pflicht.

Doch dies ist keineswegs so selbstverständlich, denn auch nach der ökonomischen Lehre ist die Kreditvergabe immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Deshalb gibt es auch Risikoprämien, wenn die Rückzahlung ausfallen sollte. Ökonomisch ist Kreditvergabe also immer auch risikobehaftet.

Es kann gute politische Gründe geben, Schulden nicht zurückzuzahlen. Deutschland hatte nach dem Zweiten Weltkrieg viele Schulden aufgehäuft. So gab es kluge Politiker und Ökonomen, die 1954 in London einen Schuldenerlass für Deutschland vereinbart hatten

Nach der Finanzkrise im Jahr 2008, die millionenfach Menschen in Armut und Arbeitslosigkeit gedrückt und eine Schuldenkrise ausgelöst hat, fragen sich viele, wie man human und gerecht mit dieser Not umgehen kann. Gibt es eine biblische Tradition, die eine Orientierung für diese Lage bieten kann?

II. ÜBERSCHULDUNG IST EIN ALTER KONFLIKT

Das Problem der Überschuldung ist nur in seiner Komplexität modern, insofern Verschuldung privater Haushalte, von Staatshaushalten oder der Verschuldung ganzer Staaten gegenüber Geldgebern ineinander übergehen. Ansonsten reicht das Problem der Überschuldung zurück bis in die frühen antiken Hochkulturen und den Beginn der Geldwirtschaft.

Schulden spiegeln den uralten Konflikt zwischen Arm und Reich wider als einen Konflikt zwischen Schuldnern und Gläubigern. Beim Propheten Nehemia können wir nachlesen, wie es den überschuldeten Kleinbauern im biblischen Israel erging. Zuerst mussten sie ihre Äcker verkaufen, dann ihre Frauen und Kinder und schließlich gerieten sie selber in Schuldknechtschaft (Neh 5,1–13).

Was Nehemia für seine Zeit vor 2.500 Jahren beschreibt, ist auch heute anzuschauen. Was sind die Auflagen, welche die EZB, die EU oder auch der Internationale Währungsfonds überschuldeten Ländern wie Griechenland an Sparmaßnahmen auferlegt anderes als eine Schuldknechtschaft? Die sozialen Errungenschaften von Athen über Madrid bis Lissabon werden in Frage gestellt, Löhne und Renten gekürzt, Staatsbedienstete entlassen, Tarifverträge zerschlagen und reguläre Beschäftigung entsichert, damit die Finanzmärkte zufrieden sind und die Schulden gezahlt werden – sonst droht Ungemach.

Seit frühesten Zeiten in der Antike wurden Menschen, wenn sie ihren finanziellen Verpflichtungen und Schulden nicht nachkommen konnten, bedrängt, unter Druck gesetzt, versklavt oder in Schuldknechtschaft gesteckt. Verschuldung gibt es, seitdem es die Geldwirtschaft gibt. Doch seitdem es die Geldwirtschaft gibt, sind Menschen immer wieder so in Überschuldung geraten, dass sie nicht mehr ein noch aus wussten. Dann gelten auf einmal die Maßstäbe nicht mehr, wie sie unter ansonsten zivilisierten Menschen gelten.

DER SCHULDENERLASS IM ALTEN TESTAMENT

Das biblische Israel bestand nicht darauf, die Schulden und Zinsen einzutreiben – um den Preis, dass Menschen in Not geraten. Die hebräische Bibel, die Tora, kennt radikale Gegeninstrumente: den Schuldenerlass und die Befreiung aus der Schuldknechtschaft. Es bietet einen humanen Ausweg aus dieser Not der Überschuldung. Das ist es, woran die Vaterunser-Bitte um die Vergebung der Schuld erinnert.

Bis in frühe Zeiten in Mesopotamien reicht auch der Schuldenerlass zurück. Die hebräische Bibel hat diese Tradition in ihre Sozialgesetze aufgenommen (5. Mose 15,1–11). Sie galt bis in die römische Zeit, also die Zeit des Neuen Testaments. Der Schuldenerlass bezieht sich auf verarmte Kleinbauern. Wenn sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Schulden zu bezahlen, sollen sie nicht erpresst werden. „[…]soll's nicht eintreiben von seinem Nächsten oder von seinem Bruder […].“ 5. Mose 15,2

Der Erlass soll sich nur auf die Notdarlehen und nicht aber auf die Handelskredite beziehen, die damals von im Lande ansässigen Ausländern gegeben wurden (5. Mose 15,3). Bis in die Zeit Jesu hinein ist das siebenjährliche Erlassjahr des Deuteronomiums praktiziert worden.

DER SCHULDENERLASS NACH DEM VATERUNSER

Wie groß die Not der Überschuldung der Menschen zu der Zeit Jesu war, sieht man an der Vater-unser-Bitte um den Schuldenerlass.

Matthäus 6,9-13 „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Wir beten zu Gott, dem Vater: „Vergib/ erlasse uns unsere Schulden, wie auch wir sie vergeben unseren Schuldigern.“

So muss es wörtlich heißen. Die Urspungsformulierung des Vaterunsers bezieht sich unzweifelhaft auf die biblische Erlasstradition. Die alte Übersetzung der Lutherbibel lässt die biblische Tradition lebendig werden, wenn es heißt: „Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“ Die Vaterunser-Bitte proklamiert die Freiheit der überschuldeten Kleinbauern und Armen von unbezahlbaren Schulden. Sie ist ein Notschrei und drückt eine jahrhundertelange Erfahrung der Menschen mit Schulden und Verschuldung aus, die Not und Elend bring.

Der Schuldenerlass gehört zum Kernbestand der jesuanischen Botschaft. Dennoch wird die Vater-unser-Bitte meist so verstanden und gebetet, als ginge es um moralische Schuld und die finanziellen Schulden bleiben von der Vergebung unberührt. Die Vaterunser-Bitte bezieht sich auf alles, was Menschen einander schulden.

Wir können einander schuldig werden. Zu diesen Schulden, die Menschen einander haben, gehören auch ökonomisch Geldschulden! Jesus hält am Verhältnis von ökonomischen Schulden und moralischer Schuld fest, er kehrt es aber um. Der Mensch hat Schulden vor Gott, wenn andere Menschen seine Schuldner sind.
Die Schuld des Menschen vor Gott besteht darin, Schulden einzutreiben, die Menschen haben. Gott erlässt dem Menschen die Schuld, die er bei Gott hat, wenn der Mensch die Schulden erlässt, die andere bei ihm haben. Sünde ist es, unbezahlbare Schulden einzutreiben.

SCHULDEN ZU ERLASSEN IST GERECHT

Die Vaterunser-Bitte um Vergebung der Schulden verlangt Verzicht auf die Erfüllung von ökonomischen Schuldforderungen, wenn sie den Menschen umbringen. Das ist eine jahrtausendealte Hoffnung der Menschen bis heute auf eine Befreiung von der Schuldenlast, die überschuldete Individuen und ganze Länder in Formen der Schuldsklaverei zwingt. Schulden werden nicht einfach abgeschafft, aber erlassen, wenn sie unbezahlbar sind.

Die Vergebung durch Gott ist daran geknüpft, dass die Beterin, der Beter den Mitmenschen auch ihre finanziellen Schulden erlässt. Jesus hält im Vaterunser an der Analogie zwischen Sünde und Schulden fest; er kehrt aber die Beziehung um:

Die Schuld des Menschen vor Gott besteht darin, Schulden einzutreiben, die Menschen gegeneinander haben. Deshalb muss der Mensch Schulden erlassen, die andere Menschen bei ihm haben, um auch Gott gegenüber ohne Schuld zu sein. Nicht bezahlbare Schulden einzutreiben, ist eine Schuld; Schulden jedoch zu erlassen, ist gerecht. Die Vaterunser-Bitte verlangt, das unerbittliche Gesetz, Schulden einzutreiben, nicht zu befolgen. Unbezahlbare Schulden müssen erlassen werden. Die Vaterunser-Bitte ist eine Bitte um Freiheit. Sie proklamiert eine neue Freiheit angesichts der Not unbezahlbarer Überschuldung. Um des Lebens der verschuldeten und überschuldeten Menschen willen, wendet sich das Vater unser gegen die Versuchung der Menschen, das biblische Recht auf einen Schuldenerlass abzuschaffen.

Genau dies war nämlich in der Zeit der römischen Besatzung Palästinas in der Zeit Jesu geschehen. Der Rabbiner Hillel, ein Zeitgenosse Jesu, hat einen juristischen Trick entwickelt, den biblisch geforderten Schuldenerlass zu umgehen. So konnte man fromm sein und gleichzeitig auch den Schuldenerlass der hebräischen Bibel umgehen. Jesus hielt ihnen entgegen: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Lukas 16,13

Die Jesusbewegung hat diese Umgehungspraxis abgelehnt und das alte biblische Recht auf einen Schuldenerlass bekräftigt.

SCHULDEN SOLLEN NICHT UNTERDRÜCKEN

Dann bekommt die Mahnung in der Bergpredigt auch einen realen Hintergrund. Die Feindesliebe wird konkret in Praxis der Geldvergabe an die Bedürftigen:

„Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch Sünder leihen Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ Lukas 6,34–35

Immer wieder erzählt Jesus von der Last der Verschuldung, unter der die Kleinbauern zu leiden hatten. In zahlreichen Gleichnissen spricht er ihre Lebenslage an. Das Gleichnis vom König, der seinem Knecht alle Schulden erlässt, aber dann mit ansehen muss, wie der viel kleinere Schulden bei seinen Nachbarn gerichtlich eintreiben lässt, ist eine Auslegung dieser Vaterunser-Bitte (Matthäus 18,21–35). Rom kannte keinen Schuldenerlass

Doch das Gleichnis erzählt von einem König, der die Schulden erlässt. Die Praxis Roms war eine andere. Dort war man unerbittlich wie heute: Schulden müssen bezahlt werden. Um jeden Preis! Im Gleichnis hören sie von einer anderen Wirklichkeit: Der König erlässt im Gleichnis die Schulden. Doch zu spüren bekamen sie, dass er es eben nicht tat. Die Vaterunser-Bitte „... und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ hält am Recht der überschuldeten Kleinbauern auf einen Schuldenerlass fest.

Wen Schulden und Überschuldung drücken, der hört das sehr genau aus der biblischen Botschaft heraus. Die Bauern von Solentiname, die mit Ernesto Cardenal zusammen die Bibel auslegten, haben es einmal so umschrieben:

„Wir sollen unseren Schuldigern vergeben. Das kann irgendeine Beleidigung sein. Es können aber auch Geldschulden sein. Ich sage nicht, dass wir unser Geld nicht von einem zurückfordern sollen, der etwas hat, aber einem, der nichts hat, dem sollen wir auch diese Schuld vergeben. Für viele Reiche ist es leichter, eine Beleidigung zu vergeben, als eine Geldschuld zu streichen.“

III. RÜCKKEHR ZU EINER ALTEN TRADITION

Christen, Juden und Muslime stehen in dieser jahrhundertealten Tradition eines Schuldenerlasses. Wenn sie diese Tradition in Erinnerung rufen und wenn Christen das Vaterunser beten, dann bitten sie darum, dass Ökonomie und Politik nach Wegen suchen, nicht bezahlbare Schulden nicht um jeden Preis einzutreiben, sondern sie zu erlassen. Sie stehen in Verantwortung für eine Finanzarchitektur, die Recht und Gerechtigkeit schafft.

Wie können die Armen und Kleinen zu ihrem Recht in einer ungerechten Finanzwelt kommen? Wenn ökonomisch die Verschuldung der einen spiegelbildlich dem Vermögen der anderen entspricht, stellen Schulden keine moralische Schuld der Verschuldeten dar. Die Schulden des einen, sind das Vermögen des anderen. Wer Geld verleiht, bekommt es mit Zins und Zinseszins zurück. Wenn Schulden ökonomisch zur Mehrung des Vermögens nötig sind, dann können Schulden auch nicht immer eine moralische Schuld sein, die immer nur auf ein Versagen der Schuldner zurückzuführen wäre. Die Vermögenden stehen in der „Schuld“ der Verschuldeten, da sie deren Verschuldung zur Mehrung ihres Vermögens brauchen. So ist auch das scheinbare subjektive „Fehlverhalten“ der Schuldner immer noch nützlich für den, der aus der Kreditvergabe seinen Gewinn ziehen kann.

Wer sind dann die Schuldigen? Die Überschuldeten? Oder sind es die Reichen, die ohne Verschuldung ihr Vermögen nicht mehren können und deshalb von dem Schuldner profitieren?

Diejenigen, die ihr Vermögen haben mehren können, müssen in die Pflicht genommen werden und Vermögen zurückzuerstatten. Es kann nicht angehen, dass die Steuerzahler ausgerechnet an jene Banken und Vermögenden, die die Krise verursacht haben, noch über Jahrzehnte Zinsen zahlen.

SCHULDENERLASS ALS ALTERNATIVE

Die Tradition des biblischen Schuldenerlasses bietet eine Alternative zu einer Politik, die Schulden um jeden Preis bei den Armen eintreibt: Um der Würde des Lebens der Menschen dürfen wir die kulturelle, ja zivilisatorische Errungenschaft des Sozialstaates nicht opfern, nur damit die Vermögensbesitzer ihr Vermögen vermehren können. Wir haben etwas zu verteidigen: Den Schutz der Menschen und besonders der Armen vor den Stürmen des entfesselten Kapitalismus. Deshalb ist es an der Zeit, die vergessene Erlassjahrtradition der Religionen in Erinnerung zu rufen.

Schulden zu zahlen ist für die biblische Tradition kein heiliges Prinzip, das unantastbar Vorrang vor den Lebensrechten der Menschen hätte und für das der Sozialstaat geopfert werden dürfte. Die Lebensrechte der Menschen haben Vorrang vor Geld- und Kreditinteressen. Zum anderen sollen Menschen nicht von der Macht des Geldes unterjocht werden. Auch Schuldner sollen Aussicht auf Freiheit haben. Dann müssten die Vermögenden ihr Vermögen durch einen Schuldenerlass zurückerstatten.

Der biblische Umgang mit Schulden und Verschuldung geht von einer eindeutigen Vorzugsregel aus: Die Logik der Humanität erhält einen unbedingten Vorrang gegenüber Geldansprüchen. Um der Gerechtigkeit willen brauchen wir diese Revolution des Erlassjahres, an die uns die Bibel erinnert. Eine tatsächliche Revolution, also eine Rückwendung auf den ursprünglichen Stand und die Rückführung der Mehrung des Reichtums auf Kosten anderer. Ein Schuldenerlass ist deshalb ökonomisch vernünftig und ethisch ein Gebot der Gerechtigkeit. Deshalb wollen wir beten:

„Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir denen vergeben, die uns etwas schuldig sind.“

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