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Gerechtigkeit und Freiheit gehören zusammen
In der Bergpredigt preist Jesus die Menschen glücklich, die es „hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit“ und die, „die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden“ (Matthäus 5, 6+10).
Der Einsatz für die Gerechtigkeit entspricht also dem Wesen des Menschen. In den acht Seligpreisungen zeigt Jesus Wege auf, wie der Mensch so leben kann, dass es seinem innersten Wesen entspricht. Wenn er so lebt, wie es der Weisheit seiner Seele entspricht, dann ist er selig, glücklich. Jesus verwendet hier das griechische Wort „makarios“, das bei den Griechen den Göttern auf dem Olymp vorbehalten war. Die Götter waren frei. Sie mussten sich nicht nach den Vorschriften von Menschen richten.
Gregor von Nyssa, Bischof und Kirchenvater († 394), interpretiert diese beiden Seligpreisungen vom griechischen Ideal der Gerechtigkeit aus. Platon, der größte griechische Philosoph, hat die Gerechtigkeit als die grundlegende Tugend des Menschen beschrieben. Gerechtigkeit heißt zu - nächst, dass ich mir selbst gerecht werde, meiner Würde, meinem Leib, meiner Seele. Und Gerechtigkeit ist immer auch soziale Gerechtigkeit. Thomas von Aquin meinte, Gerechtigkeit bestehe darin, jedem das Seine zu geben, das, was ihm zusteht: „suum cuique“. Gerechtigkeit meint also gerechte Güterverteilung, gerechte Chancenverteilung, gerechten Lohn, gerechte Lebensbedingungen. Und zu dieser Gerechtigkeit gehört die Freiheit. Es entspricht dem Wesen des Menschen, in Freiheit zu leben.
Das Wesen des Menschen ist Freiheit. Er kann frei über sich verfügen. Er ist frei, sich zu entscheiden. Aber diese Freiheit wird oft eingeschränkt, einmal durch äußere Bedingungen, wenn Menschen in Diktaturen ihrer Freiheit beraubt werden oder Mächtige andere willkürlich ins Gefängnis bringen. Daher bedeutet das Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit immer auch, sich für die Menschen einzusetzen, die ihrer Freiheit beraubt worden sind.
Jesus geht davon aus, dass es keine absolute Gerechtigkeit gibt. Wir sollen hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Wir sollen uns dafür einsetzen, dass die Lebensbedingungen möglichst gerecht sind. Alle Eltern wollen ihre Kinder gerecht erziehen. Und doch höre ich oft von Menschen, die sich darüber beklagen, dass ihr Bruder oder ihre Schwester von ihrem Vater oder ihrer Mutter vorgezogen worden ist. Dann fühlen sich Kinder ungerecht behandelt. Wir sollen uns bemühen um Gerechtigkeit, um gerechte Strukturen in einem Land und dafür, dass den Menschen Gerechtigkeit widerfährt.
Jesus preist die selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Er geht davon aus, dass die Mächtigen dieser Erde sich nicht oder nur wenig um Gerechtigkeit kümmern. Und die, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen, werden häufig verfolgt. Trotzdem preist Jesus sie selig. Denn sie spüren, dass ihr Leben durch den Einsatz für die Gerechtigkeit sinnvoll wird. Sie bleiben sich und ihrem Streben nach Gerechtigkeit treu, auch wenn sie verfolgt werden.
Gregor von Nyssa deutet diese Seligpreisungen vom Sport her. Er meint: Wenn du einen 1.000 Meter Lauf machen möchtest, dann brauchst du andere, die dich verfolgen, damit du schneller läufst. Du musst nicht der Erste sein. Aber du wirst schneller laufen, wenn andere mit dir laufen und dich im Lauf verfolgen. Dieses Bild überträgt Gregor nun auf die Situation von Menschen, die von ungerechten und bösen Menschen verfolgt werden. Die bösen Menschen können uns letztlich nicht schaden. Denn sie treiben uns nur an, schneller auf unser eigentliches Ziel hin zu laufen. Und dieses Ziel ist Gott. Das ist für Gregor ein Bild wahrer Freiheit. Die Menschen können uns zwar ins Gefängnis stecken. Aber sie können uns unsere innere Freiheit nicht rauben. Denn sie treiben uns letztlich nur an, bewusster auf Gott hinzulaufen.
Jesus verheißt den Menschen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, das Himmelreich. Das Himmelreich bedeutet den inneren Raum auf dem Grund der menschlichen Seele, in dem Gott in uns wohnt und Gott in uns herrscht. Dort, wo Gott in uns herrscht, sind wir frei von der Herrschaft von Menschen. Dort sind wir frei von ihren Erwartungen und Ansprüchen, von ihren Meinungen und Bewertungen. Und dort sind wir frei vor denen, die uns verfolgen. Dort sind wir auch frei von denen, die uns äußerlich in ein Gefängnis werfen. Diesen inneren Raum können sie uns nicht nehmen. Dorthinein haben sie keinen Zutritt. Das Himmelreich ist in uns.
Aber es ist zugleich jenseits der Welt. Die Welt hat darüber keine Macht. Das ist dann wahre Freiheit. Dann sind wir sogar frei, wenn wir im Gefängnis sitzen.
Nelson Mandela hat diese innere Freiheit bewiesen, als er, der lange im Gefängnis saß, seine innere Würde bewahrt hat und sich von seinen Feinden nicht provozieren ließ. So konnte er nach seiner Entlassung den Weg der Versöhnung gehen und seinem Land dadurch dienen, dass er gerechte Verhältnisse hergestellt hat.
Im Lukasevangelium sieht Jesus sich in seiner Antrittsrede in der Synagoge von Nazaret als Anwalt der Gefangenen und Zerschlagenen. Er liest aus dem Propheten Jesaja einen Text vor, der gleichsam seine Aufgabe in der Welt beschreibt:
„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ Lukas 4,18–19
Jesus sieht also seine Sendung darin, den Gefangenen Entlassung zu verkünden. Damit meint er nicht nur die Menschen, die im Gefängnis sitzen, sondern alle, die auch innerlich gefangen sind, die gefangen sind durch Zwänge, durch Lebensmuster, die sie im Griff haben. Und Jesus versteht sich als den, der den Zerschlagenen Freiheit bringt. Jesus zitiert hier den Abschnitt aus dem Propheten Jesaja, der vom rechten Fasten spricht:
„Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zerbrechen?“ Jesaja 58,6 (Einheitsübersetzung)
Jesus denkt hier also konkret an die Sklaven, die zu Unrecht gefangen sind. Sie will er befreien aus den ungerechten Verhältnissen, aus den Gefängnissen, in die man sie gesteckt hat.
Diese Freiheit meint Jesus auch, wenn er „ein Gnadenjahr des Herrn“ ausruft. Das Gnadenjahr ist das jüdische Jubeljahr. In diesem Jahr sollten die Israeliten alle Sklaven freilassen, alle Schulden erlassen und die Felder brach liegen lassen. Das sind schöne Bilder für das Wirken Jesu.
Wo Jesus auftritt, da werden Sklaven freigelassen, da können in sich versklavte Menschen aus dem inneren Gefängnis ihrer Angst und Fremdbestimmung ausbrechen und ihre menschliche Würde wieder finden. Jesus will mit seiner Botschaft die Menschen befreien von inneren Zwängen.
Heute setzen sich viele Menschen unter Druck, überall gut anzukommen. Sie stehen unter einem inneren Zwang, sich besser darzustellen als sie sind. Das überfordert sie oft. Jesus versteht seine Botschaft als Botschaft der Freiheit.
Aber diese Freiheit ist immer auch mit Gerechtigkeit verbunden. Der Evangelist Lukas zeigt das dadurch, dass er Jesus selbst als den wahrhaft gerechten Menschen darstellt. Lukas bezieht sich dabei auf den Philosophen Platon, der in seinem Buch „Politeia“ 400 Jahre vor Christus beschrieben hat, wie es einem wahrhaft gerechten Menschen ergehen wird. Platon meint, man wird ihn aus der Stadt heraustreiben, ihn blenden und ans Kreuz hängen. Das sieht Lukas im Kreuz Jesu verwirklicht. Daher lässt er den Hauptmann - anders als bei Matthäus und Markus - sagen:
„Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!“ Lukas 23,47
Jesus erweist sich am Kreuz als der wahrhaft gerechte Mensch. Er lässt sich auch durch die Mörder nicht provozieren und aus seiner Gerechtigkeit heraustreiben. Er betet selbst für seine Mörder: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Lukas 23,34
Jesus ist selbst angenagelt ans Kreuz noch ein freier und gerechter Mensch. In ihm sieht Lukas das Idealbild der griechischen Philosophie von einem wahrhaft gerechten Menschen verwirklicht.
Und Lukas schildert den Tod Jesu als ein Schauspiel.
„Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.“ Lukas 23,48
Für Lukas, der in griechischer Philosophie bewandert ist, verwandelt das Schauspiel alle, die es sehen. Er bezieht sich damit auf Aristoteles, den anderen großen griechischen Philosophen, der eine eigene Philosophie des Schauspiels entwickelt hat. Schauspiel – so sagt Aristoteles – führt zur „katharsis“, zur Reinigung der Emotionen. Die Menschen, die auf Jesus, den wahrhaft gerechten Menschen am Kreuz schauen, werden selbst gerecht, sie werden ausgerichtet auf Gott.
Sie werden verwandelt und gehen verwandelt von diesem Schauspiel weg. Lukas geht davon aus, dass am Kreuz alle Zuschauer verwandelt werden, auch die „führenden Männer des Volkes“ und die Soldaten, die ihn vorher noch verspottet hatten. Als sie diesen wahrhaft gerechten Menschen sterben sehen, werden auch sie in ihrer Ungerechtigkeit ausgerichtet auf Gott. Sie werden verwandelt.
Das ist für uns ein Hoffnungsbild: Wenn wir in unserem Streben nach Gerechtigkeit so klar und eindeutig sind wie Jesus, dann dürfen wir vertrauen, dass das auch auf die Menschen wirkt, mit denen wir zu tun haben.
Wir dürfen uns in unserem Streben nach Gerechtigkeit und in unserem Einsatz für die Freiheit von Menschen nicht von den Tyrannen die Spielregeln aufdrücken lassen.
Wir sollen – wie Jesus – in unserer Mitte bleiben und als gerechte Menschen handeln. Dann werden auch die – so dürfen wir hoffen – verwandelt, die bisher ungerecht gehandelt haben. Dann werden nicht nur die Sklaven befreit, die bisher von ungerechten Menschen gefangen genommen wurden, sondern auch die, die sie gefangen genommen haben.
Wenn wir etwas vom Geist Jesu, des wahrhaft gerechten Menschen, in unsere Welt ausstrahlen, dürfen wir vertrauen, dass dadurch Tyrannen und Sklaven verwandelt werden, Gefangene und Gefängniswärter. Aber es ist auch eine Herausforderung an uns.
Oft genug lassen wir uns von ungerechten Menschen die Spielregeln für unser Verhalten aufdrängen. Wir handeln dann auch ungerecht mit den ungerechten Menschen. Doch dann gibt es einen Kampf gegeneinander. Aber wir erfahren nicht die innere Freiheit, die Jesus verkörpert hat.
So können wir in unserem Einsatz für Gerechtigkeit und Freiheit vom Geist Jesu lernen.
Aus den Seligpreisungen bei Matthäus können wir lernen, dass der Einsatz für die Gerechtigkeit uns innerlich glücklich macht, selbst wenn wir dabei verfolgt werden. Und aus der Antrittsrede Jesu und seinem Tod am Kreuz, wie Lukas ihn uns schildert, können wir lernen, dass wir in unserem Einsatz für die Freiheit und Gerechtigkeit erst selbst frei und gerecht werden müssen, damit unser Einsatz die Menschen verwandelt: Gefangene und Gefängniswärter, Tyrannen und Sklaven. Das ist dann wahre Freiheit und Gerechtigkeit. Dann werden auch die Tyrannen befreit von ihrem inneren Gefängnis, von ihrem Zwang, andere zu unterdrücken.
Und die Gefangenen werden wahrhaft frei, so frei wie Nelson Mandela, der nach seiner Entlassung nicht in Bitterkeit gehandelt hat, sondern aus einer inneren Freiheit, die dann für viele Freiheit bewirkt hat.
So wünsche ich uns allen den Geist Jesu, des wahrhaft gerechten Menschen, damit wir selbst frei werden und gerecht und die Freiheit Jesu den Menschen nicht nur verkünden, sondern auch durch unsere Ausstrahlung vermitteln.