Freiheit (und Gerechtigkeit) und nochmals Freiheit

Freiheit (und Gerechtigkeit) und nochmals Freiheit

Markus Perger

Leiter des Referates Mission, Entwicklung und Frieden im erzbischöflichen Generalvikariat Köln

Freiheit

Die Anfrage, für dieses Heft einen Artikel zu schreiben, erreichte mich Mitte Januar, nun schreibe ich in der Osterwoche 2021 diese Zeilen vor dem Hintergrund meines täglichen Nachrichtenkonsums, der schier von einem einzigem Thema gespeist wird: die Pandemie Covid-19. Namentlich die Lektüre diverser Zeitungen empfinde ich wie ein national-publizistisches Brainstorming zum gesetzten Thema: beide Begriffe, Gerechtigkeit und Freiheit, tauchen auf als Referenzbegriffe in Kommentaren, Glossen und Leitartikeln, begrifflich durchaus nicht scharf voneinander getrennt. Was auffällt: es geht immer (nur) um Deutschland. Wer hört etwas von den Schicksalen in Brasilien, geschweige denn aus Asien? Afrika – wie so oft: tabula rasa. Mir scheint, dass die Nabelschau fröhliche Urständ feiert.

Wohlan – hier (m)ein weiterer Versuch.

Der Begriff Freiheit leitet sich ab vom griechischen Wort „eleutheria“ (sprich: ELESERIA). Deutlich kann man unser Wort „Leute“ herauslesen, was im Griechischen meint, dass Leute zusammengehören, eine Gemeinschaft, ein Volk bilden. Im Germanischen und damit im heutigen deutschen Sprachraum hängt das Wort Freiheit mit Freund zusammen. Das veraltete Wort „freien“ macht das deutlich: „liebevoll um jemanden werben“, durchaus mit weitergehenden Absichten. In seiner ursprünglichen Bedeutung klingt beim „Freien“ lieben und schonen mit. Und dann entwickelte sich der innere Zusammenhang von Freund und Freiheit dahin, dass freie Menschen einander gut gesonnen sind, sich respektieren und einander nicht schaden, sondern schonend miteinander umgehen.

Wer vermag denn jene Freiheit als Wert zu schätzen, die uns das Grundgesetz bzw. die freiheitlich-demokratische Grundordnung zuspricht? Wie könnte man Freiheit erfahren, wenn man noch nie das Gegenteil, nämlich Unfreiheit oder Repression, am eigenen Leibe zu spüren bekam? Einige Zeitgenossen empfinden die aktuelle politische Situation als Entmündigung von Bürgerrechten, als Beschneidung der parlamentarischen Demokratie, im schlimmsten Falle als Fernsteuerung durch obskure Mächte, die das Ziel haben, einer (jüdischen) Finanzelite die Weltherrschaft zu ertrotzen. Der totale Verlust der Freiheit sei zu fürchten – so ist es nicht nur bei Verschwörungstheoretikern zu hören

Ein „schönes“ Beispiel erlebte ich auf einer Dienstreise ins Herz Afrikas, in die Zentralafrikanische Republik, in der Hauptstadt Bangui, gleich an der Grenze zum großen Kongo, der heutigen Republik Zaire. Bei einer Polizeikontrolle konnte ich statt des Originals nur eine Sicherheitskopie meines Reisepasses vorzeigen und wurde sofort mit auf die „Wache“ genommen. Verließ oder Kabuff trifft es besser: zerbrochene Fensterscheiben, auseinander gebogene Gitterstäbe davor, die Schnur des schwarzen Bakelit-Telefons stumm, weil aus der Wand gerissen. Einzig der Revolver des Beamten schien funktionstüchtig. Das Ziel dieser Festnahme war eindeutig: man wollte Geld sehen. Dass mein Reisekamerad und Chef, der Kölner Generalvikar, dieses Schicksal mit mir teilte, machte die Situation kaum besser. Aber es ging glimpflich für uns ab: nach einer mittleren Geduldsprobe wurden wir nach der Intervention des Rechtsanwaltes des Ortsbischofs auf freien Fuß gesetzt. Deo Gratias.

Wie fühlt sich Freiheit an? Es ist ein tiefes Durchatmen. Ein spontanes Lachen, vielleicht etwas hysterisch. Ein Leichtwerden. Das Gefühl von Dankbarkeit. An wen richtet sich diese Dankbarkeit? Zunächst an die unmittelbar Helfenden, dann – abstrakter – auf das Rechtssystem, das (z.B. per Anwalt) dem Einzelnen zu seinem Recht verhilft. Und schließlich beziehen religiöse Menschen ihre Empfindung von Freiheit auf Gott. Viele Zeugnisse aus der zu Ende gehenden DDR verstehen die Befreiung von einem diktatorischen System nicht ausschließlich als historisch-politische Konsequenz, sondern erkennen darin das Handeln Gottes.

Vision von Freiheit

Natürlich erscheint hier Freiheit auch als Frucht des Handelns vieler mutiger Männer und Frauen, die sich eingesetzt haben für Rechtssicherheit, Abbau von Ungerechtigkeit, für die Gender- und Bildungsgerechtigkeit oder für soziale Chancengleichheit.

Und welcher Erdenmensch wird nicht dereinst aufatmen, sich befreit fühlen und jubeln, wenn die vielfachen Schrecken der Corona-Pandemie überwunden sein werden: durch die Kraft der Impfstoffe, durch international gerechte Verteilung des Vakzins, durch das Zusammenhalten des Menschen mit seinem nächsten Mitmenschen und mit dem fernen Nächsten?!

Diese Hoffnung ist fragil und mutet – sozusagen jetzt noch mittendrin im Kampf um das Überleben von Vielen – an wie eine Vision. Diese visionäre oder auch prophetische Kraft aber war immer schon, seit den Zeiten unserer Ur-Väter und -Mütter, das Kennzeichen glaubender Menschen. Der charismatische und befreiungs-theologische Erzbischof Dom Helder Camara im brasilianischen Recife nannte diese Menschen „abrahamitische Minderheiten“. Frauen und Männer aus den drei monotheistischen Weltreligionen, die über den Kirchturm, über den Tag, über die normative Kraft des Faktischen hinausschauen konnten – und der Welt einen Blick auf die Wirklichkeit vermittelt haben, die sich tatsächlich nur den Sehenden, den „Sehern“ erschließt.

Was aber lässt sich „hinter dem Horizont“ (Udo Lindenberg) ausmachen? Lugt denn bereits die neue Welt hervor, befreit von der Angst vor dem tödlichen Virus?

Hinter dem Horizont

Ich fürchte, die Sehnsucht vieler Menschen kennt nur das Altbekannte, das Zurück zu einer vermeintlichen Normalität, die geprägt war von der unheiligen Trias des „Höher, Weiter, Schneller“.

Bedeutet es für uns Freiheit und bringt es der Welt die so dringend erforderliche Gerechtigkeit und den ersehnten Frieden, wenn wir nur weitermachen wie bisher? Also Corona hinter uns lassen und dann: Ende gut, alles gut? Ist es wirklich Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, wie oder wann man will? Also ohne Einschränkungen handeln zu können? Es scheint doch, dass wir in unserem Leben vor Corona genau so verfahren sind: „Porsche fahren? Fleisch essen? Fünf Fernreisen pro Jahr? Heiraten? Kinder bekommen? Drogen? Schulmedizin oder Homöopathie? …“ (S. Döring) All das können wir tun, oder wir tun es auch nicht. Aber: entscheiden tun wir selbst!

Das entspricht unserem Autonomieverständnis als aufgeklärtem Menschen: ich entscheide, wie ich leben will, das ist meine Freiheit. Alles ist möglich! Nichts ist unmöglich …

Hinter dieser Haltung steht die Idee vom unbegrenzten und immerwährenden Wachstum, sowohl als globales Wirtschaftssystem, aber auch als höchstpersönlicher, wenngleich vermutlich unbewusster Lebensentwurf. Kritiker, wie der Theologe Eugen Drewermann bereits in den 1980er Jahren, sprechen hier vom tödlichen Fortschritt.

Es sind heute nicht Wenige, die für sich entdecken: weniger ist mehr. „Haben oder Sein?“, die Frage des Erich Fromm aus den 1970ern lässt sich runterbrechen: was sind denn eigentlich die Bestand - teile gelingenden Lebens, wie sieht es aus, das „Leben in Fülle“, wie es im Johannesevangelium (Joh. 10,10) heißt. Es suchen Menschen Antworten, sie machen sich auf den Weg – nicht nur nach San - tiago de Compostela -, und sie wollen diese Frage nicht länger als bloße Privatsache betrachten. Die Philosophin Sabine Döring, Professorin an der Universität Tübingen, gibt in der Osterbeilage 2021 der Wochenzeitschrift Der Spiegel einige Denkanstöße zur Frage, was denn der Schlüssel zu gutem Leben sei. Sie schlägt unter anderem vor, dass wir Demut vor Fakten und Argumenten entwickeln und nötigenfalls die eigene Meinung revidieren müssen. Darin liege die Voraussetzung dafür, die Pandemie, die Klimakatastrophe und all das, was sonst noch kommen mag, handhaben, oder aufhalten, und vielleicht überleben zu können.

Heute sind diese Überlebensfragen von keinem System mehr allein zu beantworten. „Religiöse, kulturelle, politische Ideen, die eine einzige Wahrheit versprechen, werden sich in einer gerechten Gesellschaft freier und gleicher Bürger nicht umsetzen lassen“, so Döring, da diese selbsternannten ideologischen Wahrheitsapostel „…zu oft schon und zu viel Grausamkeiten mit sich gebracht“ haben.

Ausblick

Diese Überlegungen können im 21. Jahrhundert nicht enden ohne einen Hinweis auf den Interreligiösen Dialog, auf das, was der jüngst verstorbene Theologe Hans Küng „Weltethos“ genannt hat. Im Kontext einer globalisierten Welt müsse in Analogie zu Weltwirtschaft, Weltpolitik, Weltkirche, Weltfinanzsystem auch das Denken eines „Weltethos“ entwickelt werden.

Das Ziel ist es, dass sich die Völker, Kulturen und Religionen der Welt auf Augenhöhe begegnen und nicht länger ein Faktor der Konfliktverschärfung sind. Dass sie aus der gemeinsamen Schnittmenge ihrer Glaubenstraditionen Normen und Ideale entwickeln, durch die es eine Chance gibt auf Freiheit, Gerechtigkeit und Bewahrung der Lebens - Grundlagen für alle.

Dazu aber mehr beim nächsten Mal.

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