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Über IJM
„Einmischen“ erlebt derzeit eine Hochkonjunktur. Die Menschen werden politischer, lauter und auch radikaler: Die einen wählen die AFD, die anderen wehren sich laut dagegen. Die „Fridays for Future“- Bewegung wächst – und gleichzeitig auch „Diesel für Future“. Die Menschen vertreten ihre politischen Interessen lauter.
Manche denken vielleicht, die Kirche versuche nun, auf diesen Zug aufzuspringen, um nicht abgehängt zu werden. Sie will ernst genommen werden und findet jetzt auch, dass man sich einmischen soll. Kommt jetzt noch ein weiterer Punkt auf die To-do-Liste? Steht da mit „Seelenretten“ und Ähnlichem nicht schon genug? Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass kein neuer Punkt dazukommt. Die Schlechte ist, dass dieser Punkt schon immer auf der Liste stand.
Beim Sonntag für Freiheit geht es darum, was Gott wirklich wichtig ist. Das ist keine neue, sondern eine uralte und simple Botschaft. Sie ist aber unbequem und wird deshalb oft und gerne überhört. Der Text, den ich als Grundlage nehme, ist über 2500 Jahre alt und stammt von dem Propheten Micha. An seiner Relevanz hat sich bis heute nichts geändert.
Micha gehört zu den kleinen Propheten im Alten Testament. Er ist weder einfach noch angenehm zu lesen. Die Propheten waren nicht die Stimmungskanonen. Sie sahen, was alles in der Welt schieflief, und haben es angesprochen. Gott zeigte ihnen klar auf, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Ist- und dem Soll-Zustand war. Das polarisiert. Das Buch Micha wird eröffnet mit der Ankündigung, dass Gott herabkommt; nicht sanft, leise und behutsam, sondern mit Feuer, Donner, Rauch und Erdbeben – dem vollen Spektakel. Er hat lange genug zugesehen und will nicht länger sehen, was alles schiefläuft. Jetzt mischt er sich ein und droht ihnen an, dass die Assyrer und Babylonier kommen. Diese waren damals die mächtigsten Völker. Gott kündigt dem jüdischen Volk Gericht und Zerstörung an, weil sie seinen Willen nicht mehr befolgen. Das ist die Botschaft von Micha.
Haben sie ihre religiösen Pflichten nicht erfüllt? Waren sie nicht oft genug im Gottesdienst? Haben sie nicht genug in der Bibel gelesen? Nein, das war nicht das Problem. Gott hat keinerlei Interesse an unserer religiösen Pflichterfüllung. Der Prophet Amos lebte ungefähr zu der gleichen Zeit wie Micha. Gott drückt sich im Buch Amos ganz deutlich aus, als er sagt: Ich kann das alles nicht mehr ertragen. Eure Gottesdienste, eure Lieder und eure Opfer – sie sind mir zuwider. Hört auf damit! Warum sagt er das? Die Diskrepanz zwischen dem Sonntag und dem restlichen Leben ist zu groß. Es passt nicht zusammen. Was war denn bei Micha das Problem, wo es zu Spannung kam? Er kritisiert zwei Bereiche: Götzendienst und Ungerechtigkeit. Sie haben Gott mit Götzen vertauscht und es geht extrem ungerecht zu im Land. In Micha 3 steht Folgendes:
Ihr solltet die sein, die das Recht kennen. Aber sie hassen das Gute und lieben das Arge; sie schinden ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Knochen und fressen das Fleisch meines Volks. (Micha 3, 1–3) Oder: Weh denen, die nachts wach liegen und Böses ausbrüten, um es früh am Morgen auszuführen, weil sie die Macht haben! Wollen sie ein Stück Land, so rauben sie es; gefällt ihnen ein Haus, so nehmen sie es. Rücksichtslos unterdrücken sie die Leute und nehmen ihnen ihr Eigentum weg. (Micha 2,1-2).
Michas Botschaft ist klar: Weh euch! Gott ist wütend. Ihr gebt euch einer Selbsttäuschung hin, wenn ihr denkt, dass ihr Gottesdienst und Alltag trennen könnt. Es steht sogar, dass sie sagten: Der Herr ist mitten unter uns, uns kann nichts passieren! Es reicht doch, wenn ich Gott am Sonntag zufrieden stelle, der Rest ist meine Sache. Die Idee hinter diesem Denken ist, dass sich unser Leben in geistlich und irdisch unterteilen lässt und beide Bereiche nichts miteinander zu tun haben. Genau das klagt Micha an und wendet sich dabei vor allem an die Mächtigen im Volk. Er konfrontiert sie damit, dass sie die Armen ausbeuten und sich daran bereichern. Sie betrügen, hintergehen, bestechen die Richter und suchen sich dann auch noch geistliche Leiter aus, die sie in ihrem Tun bestärken. Michas Zuhörer reagieren wenig erfreut auf seine Botschaft. Es ist ja auch nicht angenehm, wenn einem jemand Scheinheiligkeit vorwirft. Sie beschweren sich sogar bei Gott über ihn und fragen sich, was er denn sonst noch will. Reicht es nicht, was sie bis jetzt getan haben?
Ihr fragt: „Womit soll ich vor den Herrn treten, diesen großen und erhabenen Gott? Was soll ich ihm bringen, wenn ich mich vor ihm niederwerfe? Soll ich einjährige Rinder als Opfer auf seinem Altar verbrennen? Kann ich ihn damit erfreuen, dass ich ihm Tausende von Schafböcken und Ströme von Olivenöl bringe“? (Micha 6, 6-7)
Sie stellen ihre rhetorischen Fragen, als ob Gott etwas Unmögliches von ihnen fordern würde. Sollen sie nun nicht nur Tropfen, sondern gleich Ströme von Öl opfern? Nicht nur ein Schafbock, sondern gleich Tausende? Ist Gott dann zufrieden? Und sie gehen sogar noch weiter, indem sie fragen: Soll ich meinen erstgeborenen Sohn opfern, damit er mir meine Schuld vergibt? (Micha 6,7)
Aus dieser Stelle wird deutlich, dass ihr Verständnis von der Beziehung zu Gott eher einer Art Geschäftsdeal ähnelt. Sie opfern, so viel Gott braucht und er gibt ihnen im Gegenzug Schutz. Wir geben dir was, du gibst uns was – aber darüber hinaus lässt du uns in Frieden. Das ist vergleichbar mit meiner Beziehung zum Finanzamt. Ich reiche meine Steuererklärung ein, spätestens wenn mir eine Strafe angedroht wird, dann kommen ihre Nachforderungen, weil ich ein paar Unterlagen vergessen habe und das war’s dann auch. Mehr Beziehung wünsche ich mir mit dem Finanzamt nicht. Ich erledige einfach meine Pflichten. So dachten die Menschen damals in Bezug auf Gott. Ich tue meine Pflicht, wenn es eine Nachforderung gibt, dann wird diese auch noch erfüllt, aber darüber hinaus: Bitte nicht einmischen. Mein Leben und wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe, geht Gott nichts an. Sie bieten ihm noch mehr Opfer und noch krassere Abgaben, damit er zufrieden ist. Das Problem dabei ist: Mehr vom Falschen tun, ist immer noch falsch. Das macht es nicht richtiger.
Was will denn nun dieser Gott, dem man es anscheinend nicht recht machen kann? Gott selbst gibt die Auflösung: Der Herr hat dich wissen lassen, Mensch, was gut ist und was er von dir erwartet […] (Micha 6,8)
Da kommt nichts Neues dazu, sondern etwas Altbekanntes. Es folgt eine Zusammenfassung von dem, was die ganzen Propheten auf unterschiedliche Weise immer wieder gesagt haben.
Halte dich an das Recht, sei menschlich zu deinen Mitmenschen und lebe in steter Verbindung mit deinem Gott! (Micha 6,8)
Das ist wirklich keine Wissenschaft. Es ist ganz einfach. Halte dich an das Recht. Tue nichts, was gegen das Recht verstößt. Lüge nicht, betrüge nicht und unterdrücke niemanden. Das Problem damals war aber, dass die Mächtigen die Gesetze festlegten und diese zu ihren Gunsten verbogen. Das Recht zu halten war also juristisch vielleicht richtig, aber es war nicht gerecht.
Im Hebräischen Text steht das Wort „Mishpat“. Das ist nicht irgendein Gesetz, sondern die göttliche Gerechtigkeit, deren Sinn und Zweck es ist, die Gesellschaft zusammenzuhalten, so dass alle Menschen gut leben und aufblühen können. Die Gerechtigkeit einer Gesellschaft misst sich nicht daran, ob sich alle an Gesetze halten, sondern an der Frage, wie gerecht mit den Schwächsten umgegangen wird.
Gottes Herz – und das ist der rote Faden der Bibel – schlägt für die Benachteiligten, die am Rande stehen, die nicht gesehen oder gehört werden. Wir sollen so leben, dass Recht im Sinne von „Mishpat“ floriert. Das ist unser Auftrag – deiner und meiner. Wenn wir sehen, dass dies nicht geschieht, sind wir aufgefordert, dem entgegenzutreten – lokal und global.
Das ist nicht immer einfach und bequem. Dafür müssen wir unsere Komfortzone verlassen und das kostet uns etwas. Es könnte sogar gefährlich werden, wenn ich mich einmische. Aber was würdest du dir von anderen wünschen, wenn du in einer Notsituation wärst?
Millionen von Menschen auf dieser Welt wird das Recht vorenthalten, in echter Gemeinschaft zu leben und sogar das Recht, Mensch zu sein. Sie werden zur Ware degradiert, ausgebeutet, zur Arbeit gezwungen, täglich mehrmals vergewaltigt. Einer von ihnen ist Korani aus Bangelore im Süden Indiens. Er wurde über Jahre in einem Steinbruch ausgebeutet. Das bedeutete härteste körperliche Arbeit ohne eine Chance auf Entspannung, persönliche Entfaltung oder Ruhe. Ohne eine Chance, aus dieser Situation je wieder alleine herauszukommen. Was würdest du dir an seiner Stelle wünschen? Uns an das Recht zu halten, bedeutet, dass wir uns für die Schwächsten der Schwachen einsetzen. Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit und deshalb gibt es den Sonntag für Freiheit.
Halte dich an das Recht und sei menschlich zu deinen Mitmenschen. Das Zweite, was Gott von uns verlangt, ist Menschlichkeit. Gott will nicht, dass wir irgendetwas tun, damit er zufriedengestellt wird. Er möchte, dass Menschen aufblühenkönnen und das Potenzial, was er in sie gelegt hat, zur Entfaltung kommt. Deshalb will er, dass wir uns an das Recht halten und menschlich sind, damit es jedem einzelnen seiner Ebenbilder gut geht, denn er liebt jede und jeden.
Da könnte man nun einwerfen, dass das sehr nach „Humanismus light“ klingt. Muss die Kirche nicht mehr sein als das? Ich glaube nicht, dass wir mehr sein müssen. Jesus ist gekommen, damit Menschen lernen, was es heißt, Mensch zu sein. Gott wurde Mensch, nicht damit wir zu Göttern werden, sondern damit wir lernen, was es heißt, Mensch zu sein in Gottes Ebenbild.
Vielleicht denkt ihr jetzt, dass es damals nötig war, weil es eine harte Zeit war. Arme wurden brutal ausgebeutet und Menschen sogar die Haut abgezogen. Wir leben zum Glück in einer anderen Zeit. Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir auch oft auf unseren eigenen Vorteil bedacht sind und das nicht selten auf Kosten von anderen. Sobald es mich etwas kostet, bin ich mir selbst der Nächste. Mein Götze ist keine geschnitzte Holzfigur, sondern bin ich selbst.
Gibt es ein Erlebnis von dem Sie gerne erzählen möchten, bei dem Sie sich selbst der Nächste waren und darüber erschrocken waren?
Genau deswegen gelten die Worte von Micha heute noch: Halte das Recht und sei menschlich zu deinen Mitmenschen. Vielleicht merkst du in deinem Konsum, dass deine eigenen Bedürfnisse zuerst kommen. Micha würde dazu sagen: „Konsumiere menschlich, sodass die, welche die Produkte hergestellt haben, ein menschliches Leben führen können.“
Und dann ist da noch der letzte Punkt: Lebe in steter Verbindung zu deinem Gott. Gott möchte eine Verbindung. Er fordert keine geistlichen Höchstleistungen. Dabei geht es nicht darum, dass er zufrieden ist und du einen Haken setzen kannst. Es geht darum, zu lernen, wie er die Dinge sieht. Wenn man eine Weile mit jemandem zusammenlebt, lernt man die Person kennen und weiß, was ihr oder ihm wichtig ist. Ich bin seit 20 Jahren mit meiner Frau zusammen und in vielen Situationen, wenn ich eine Entscheidung treffen muss, weiß ich bereits, was sie dazu sagen würde. Ich kann Entscheidungen treffen, die in ihrem Sinne sind, ohne dass wir direkt darüber gesprochen haben.
Eine solche Beziehung wünscht sich Gott. Er möchte, dass wir ihn kennen und in seinem Sinne Entscheidungen treffen. Dann macht zum Beispiel auch der Gottesdienstbesuch wieder Sinn. Wir gehen nicht hin, um unsere Pflicht zu erfüllen, sondern um Gott zu begegnen. Wir sollen lernen, zu sehen, wer es braucht, dass wir uns einmischen, wer unsere Menschlichkeit braucht.
Der Sonntag für Freiheit ist auch nicht mit einem Mal abgehakt. Bei wichtigen Themen brauchen wir Rituale und Regelmäßigkeit. Deshalb gibt es den Sonntag für Freiheit auch jedes Jahr neu. Es gibt viele Themen, die uns kurz berühren, aber wir brauchen die tiefere Auseinandersetzung, um davon geprägt zu werden.
Deshalb lade ich euch dazu ein, in den nächsten Wochen den „Just People“ Kurs der Micha Initiative zu machen. IJM hat das Kurs-Material mitentwickelt. Es wird euch helfen, Gottes Blick auf diese Welt, auf Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu bekommen. Ihr werdet konkrete Ideen bekommen, wie ihr euch einmischen könnt. Ich bin überzeugt: Unsere Welt, unsere Stadt braucht Menschen, die sich einmischen. Wenn ihr das tut, werdet ihr Gott erleben. Ich glaube, wir haben in unserem Alltag zu wenige Gottesbegegnungen, weil wir unsere Komfortzone nicht verlassen und uns nicht einmischen.
Korani aus Indien lebt heute in Freiheit. Durch die Mitarbeiter von IJM konnten Beweise gesammelt werden, sodass er und einige andere durch die lokalen Behörden befreit wurden. Auf die Frage, was für ihn Glück bedeutet, erzählte er von dem Moment, wenn er nach einem langen Tag, wo er am Straßenrand Melonen von einem Leiterwagen verkauft hat, abends vor seiner Hütte sitzt und seinen Kindern beim Hausaufgaben machen zusehen kann – das ist sein größtes Glück. Korani lebt heute in Würde und Freiheit, weil sich andere eingemischt haben.
Vielleicht bis du jemand, dem Nöte und Ungerechtigkeit sehr zu Herzen gehen. Wenn man einmal hinschaut, kann sich das erdrückend anfühlen. Dann lass mich dir zum Ende noch etwas sagen: Die Weltverantwortung liegt nicht alleine auf deinen Schultern. Es gibt einen Grund, warum Micha sich zuerst an die Reichen und Mächtigen wendet und sie kritisiert. Sie haben die Macht, den großen Hebel zu bewegen. Deshalb ist es wichtig, dass wir politisch aktiv sind. Wir können zum Beispiel an die Regierung appellieren, dass sie ihren Teil tut, indem wir uns für saubere Lieferketten einsetzen, in denen nicht Menschen versklavt und ausgebeutet werden. Wir sind aufgefordert, unsere Stimme zu erheben und die Mächtigen an ihre Verantwortung zu erinnern.
IJM befreit deshalb nicht nur Einzelne aus Sklaverei, sondern arbeitet mit den Verantwortungsträgern in den jeweiligen Ländern zusammen, um Strukturen und Rechtssysteme zu verbessern. Es ist ihre Verantwortung dafür zu sorgen, dass Recht in ihrem Land floriert.
Wenn man sich all diese großen Herausforderungen ansieht, ist es schwer, nicht entmutig zu denken: Was kann ich für einen Unterschied machen? Meine Kraft ist viel zu klein, um bei 40 Millionen Menschen in Sklaverei etwas zu bewirkten. Ein altes, afrikanisches Sprichwort besagt, dass wer so denkt, noch nie die Nacht im Zelt mit einem Moskito verbracht hat.
In diesem Sinn: Geh mit Gott – und werde Mensch. Geh in steter Verbindung mit Gott. Sieh, was er sieht. Lache, wo er lacht. Weine, wo er weint. Sei menschlich zu deinen Mitmenschen und halte dich an sein Recht.
Misch dich ein.
Amen