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Wenn wir heute über Gerechtigkeit nachdenken, dann tun wir das als Christen. Christen sind Menschen, die alles, was sie sagen, was sie tun und was sie denken, in Beziehung zu Jesus setzen. Denn nach ihm, nach Jesus Christus, sind wir benannt. christianoi – Christusleute – das war der Name, den die frühen Nachfolger des Mannes von Nazareth zum ersten Mal in der syrischen Metropole Antiochia annahmen (Apostelgeschichte 11, 25–26). Und für solche Christusleute ist Jesus das Vorbild in allem. Heute soll es um das Thema „Gerechtigkeit für die Armen“ gehen oder noch genauer: um die „Gute Nachricht für die Armen“. Das steht im Zentrum des Evangeliums. Jesus brachte die Gute Nachricht für die Armen. Jesus war die Gute Nachricht für die Armen. Das war sein Programm. Dass das so ist, machte er immer wieder deutlich. „Selig seid ihr Armen“ – so sagte er in der Feldpredigt (Lukas 6, 20). „Selig sind die Armen im Geist“ – so betonte er in der Bergpredigt (Matthäus 5, 2). Was in unseren kirchlichen Traditionen manchmal als Gegensatz gesehen wurde, gehört in Wirklichkeit ganz eng zusammen: Armut in jeder Form ist ein Thema, dessen Jesus sich annimmt. Geistliche Armut genauso wie materielle Armut.
Ganz zentral deutlich wird das in seiner programmatischen Rede in seiner Heimatstadt, im manchmal so genannten „Nazareth-Manifest“:
Dabei kam er auch nach Nazareth, dem Ort, wo er aufgewachsen war, und ging entsprechend seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge. Dort stand er auf, um aus dem Buch Gottes vorzulesen. Man reichte ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und stieß auf die Stelle, wo geschrieben steht: „Der starke Gottesgeist liegt auf mir. Er hat mich gesalbt und dadurch beauftragt, den Armen die befreiende Botschaft zu bringen und denen, die Schuld auf sich geladen haben, die Vergebung, den Blinden die Wiedergewinnung ihrer Sehkraft, und die Niedergestoßenen in die Freiheit zu entlassen. So soll ich das Jahr der großzügigen Zuwendung Gottes ausrufen.“
Dann rollte er die Schriftrolle wieder zusammen und gab sie dem Verantwortlichen zurück. Danach setzte er sich wieder hin. Die Augen von allen, die in dem Versammlungshaus waren, waren aufmerksam auf ihn gerichtet. Dann ergriff Jesus das Wort und sagte: „Heute erfüllen sich diese Voraussagen im Buch Gottes, hier, in eurem Beisein!“ Lukas 4,16 – 2, ("dasbuch". NT)
Das ist der Jesus, dem wir folgen. Das ist sein Programm. Das ist sein erklärter Wille. Hört noch einmal die Stichworte aus diesem „Nazareth-Manifest“:
Darum geht es Jesus. Gute Nachricht für die Armen. Die befreiende Botschaft. Das Evangelium. Das stellt Jesus laut Lukasevangelium ins Zentrum seiner Verkündigung in seiner Heimatstadt, gleich zu Beginn seines öffentlichen Wirkens. Wie seine Verwandten, seine Mitbürger und Zeitgenossen auf diese Ankündigung reagierten, wird in der Folge berichtet. Doch das steht für uns heute nicht im Fokus. Ich möchte das Thema „Gute Nachricht für die Armen“ in drei Gedankengängen entfalten.
Es ist in der Tat so. Wer in die Geschichte der Kirche schaut, merkt, dass sich die Jesusbotschaft vor allem unter den Armen ausbreitet. Das war schon zu Zeiten der ersten Gemeinden so und das ist heute auch noch so. Gegenwärtig leben ungefähr 80 Prozent der Christen weltweit unterhalb der Armutsgrenze! Das ist für uns im wohlhabenden, ehemals „christlichen Abendland“ wahrscheinlich überraschend.
Wenn wir an „Christen“ oder „Kirche“ denken, fällt uns vielleicht zuerst unser eigenes Gemeindehaus oder Kirchengebäude ein, oder auch die Dome und Münster im Zentrum unserer Städte, vielleicht auch der Vatikan in Rom oder amerikanische Mega-Gemeinden mit imposanten Gebäuden. Eine viel typischere Erfahrung mit „Kirche“ ist für die Mehrzahl der Christen allerdings eine ganz andere. Hier ein paar Gemeindeversammlungen, die ich selbst miterlebt habe:
Die Beispiele ließen sich leicht vervielfachen. An vielen Orten der Welt ist es so: Die Kirche ist da, wo die Armen sind. Dort, an diesen Orten der Armen, wächst die christliche Kirche am meisten, während im immer noch reichen Westen die Gottesdienstbesucherzahlen seit Jahrzehnten drastisch zurückgehen. Und das kommt nicht von ungefähr. So ist das Evangelium eben. Schon in der frühen Christenheit waren es oft die „Armen“, die Unfreien, die rechtlich an den Rand Gedrängten und sozial Benachteiligten, wie zum Beispiel Frauen, die Ungebildeten, die sich für die Nachricht von Jesus öffneten. Gerade das wurde häufig von den „Reichen, Schönen und Gebildeten“ der damaligen Zeit kritisiert.
Doch das ist kein Schönheitsfehler, kein Versehen, sondern Ausdruck dessen, dass Jesus gekommen ist, den Armen das Evangelium zu verkündigen. Und sie hören es. Die Armen sind ja auch die Machtlosen, deren Stimme nicht gehört wird. Zum Beispiel die Einheimischen Südamerikas.
Ein Freund, Frank Paul, lebte viele Jahren mit seiner Familie im Chaco mitten unter einem solchen an den Rand gedrängten indigenen Volk. In einer Mail aus ihrer Anfangszeit schrieb seine Frau Ute:
„Frank hat in diesem Monat erste sowohl abenteuerliche als auch mühsame Erfahrungen mit den Reisen auf dem Motorrad bei Regen, Schlamm und Kälte gemacht. Trotz Zähneklappern, Festsitzen, auf einem Lattenrost schlafen …. kam er erfreut über das Wirken Gottes in diesen abgelegenen Gegenden zurück.
Zu einer Gemeindewoche waren mit dem Fahrrad aus 30 – 40 Kilometer Indianergeschwister gekommen – mit Frau und Baby auf dem Gepäckträger über lauter holprige Erdstraßen, um die örtlichen Christen zu unterstützen! Frank war an dem Ort noch nie gewesen. Da war die Freude groß! Alle wurden vom Regen überrascht, aber der Gottesdienst ging weiter - ohne Strom. Wenn es zu laut auf das Blechdach trommelte, dann wurde eben mal eine Pause eingelegt, bis man sich wieder verstehen konnte. An dem Abend, aus dem Dunkeln, kamen vier Jugendliche herein – sie hatten trotz Regen von draußen zugehört, um „mit Gott wieder ins Reine zu kommen“!“
Es stimmt – das Evangelium erreicht die Armen! Meist unbemerkt von uns in unserem europazentrierten Christentum. Das Evangelium erreicht die Armen. Und wenn es sie erreicht, verändert es nicht nur Einzelne, sondern ganze Strukturen. Im Fall der Toba-Indianer im Chaco hat die Botschaft von Jesus weitreichende Auswirkungen gehabt. Ermutigt von den Missionaren erkannten sie, dass sie nicht etwa Menschen „zweiter Klasse“ sind, wie ihnen eingeredet wurde, sondern geliebte Kinder Gottes mit Rechten und einer unzerstörbaren Würde. Und so fingen sie an, für ihre Rechte und auch die anderer indigener Gruppen aufzustehen. Dieses Beispiel aus Südamerika ist nur ein einziges von unzähligen, die wir aufzählen könnten. Zu allen Zeiten und in allen Ländern zeigt sich die verwandelnde Kraft dieser befreienden Botschaft, gerade unter den Übersehenen und Ausgegrenzten an den Rändern. Das Evangelium erreicht die Armen tatsächlich. Das ist wirklich eine gute Nachricht!
In der Nachfolge von Jesus gilt die Gute Nachricht nicht nur für uns ganz persönlich – für unser Leben, für unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Nein, zugleich erreicht uns der Auftrag des Evangeliums. Denn die Gute Nachricht, die uns erreicht und unser Leben erneuert hat, soll auch andere erreichen. Im Neuen Testament wird entfaltet, wie umfassend die Gute Nachricht aussieht, die uns durch Jesus Christus erreicht.
Sie ist Gute Nachricht für „Leib, Seele und Geist“. Sie erreicht uns aus Gnade. Und wir nehmen sie im Glauben an Jesus Christus an. Diese Gute Nachricht gilt für uns ganz persönlich. Heil, Erlösung, Hoffnung – all das ist in ihr enthalten. Doch das ist nicht alles. Denn: Wir sollen nicht Endverbraucher der Guten Nachricht sein. Sondern durch uns soll sie andere erreichen. Wir sind nicht nur Empfänger der Guten Nachricht. Wir werden zu Trägern der Guten Nachricht!
Den Auftrag, den Jesus angenommen hat, gibt er weiter an seine Nachfolger: Seine Jünger, seine Schüler. Dazu beruft er sie: von ihm zu lernen. Die Gute Nachricht, die ihr Leben umgekrempelt hat, soll jetzt durch sie andere erreichen. Und zwar genauso umfassend und ganzheitlich.
Als Heil und Heilung.
In Wort und Tat.
Durch Verkündigung und Diakonie.
Die Gute Nachricht gilt allen. Und hier sind wir Nachfolger von Jesus gefragt. Das umfasst unser ganzes Leben. Wir sind die Repräsentanten von Jesus in dieser Welt. Seine Herzenshaltung soll unser Herz prägen. Seine Worte sollen unser Reden inspirieren. Sein Vorbild soll unser Handeln leiten. Da wird es ganz konkret. Da sind wir auf der Spur hin zu den Armen. Gerade sie sind im Blickfeld von Jesus. Das zeigt jeder Blick in die Evangelien. Diese Gute Nachricht bestimmte sein ganzes Leben. Seine Taten und seine Lehre. Gute Nachricht für die Armen. Nicht als großartige theologische oder philosophische Theorie, sondern umgesetzt in die kleine Münze der Zuwendung zum Einzelnen.
Wie wichtig das Jesus war, sehen wir in der großen „Endzeitrede“, die unmissverständlich zusammenfasst, was unsere Aufgabe als „Brüder und Schwestern von Jesus“ ist (Matthäus 25, 31 ff.):
Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!
Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.
Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet.
Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht.
Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan ….
Die Gute Nachricht soll die Armen erreichen. Die „geringsten Brüder und Schwestern“ von Jesus. Durch uns. Damit ist eigentlich alles gesagt. Die Worte der Predigt können jetzt enden.
Die Tat der Predigt kann jetzt anfangen. Jetzt sind wir gefragt! Amen.
Ach, Stopp! Vielleicht hilft es doch noch zur Ermutigung ein paar letzte Gedanken weiterzugeben. Denn – manchmal hilft ein Beispiel mehr als viele Worte. Deshalb noch ein kurzer dritter Punkt:
Mich haben die Menschen am meisten beeindruckt, die nicht nur richtige Dinge sagen, sondern diese auch tun. Meist sind sie unbekannt. Nur selten werden Bücher über sie geschrieben. Doch in jedem Fall inspiriert ihr Leben. Ihre ganzheitliche Jesusnachfolge. Ihre Hingabe. Ihr Einsatz für die geistlich Armen und materiell Armen. Für uns in Marburg – hier wohne ich seit vielen Jahren – ist Elisabeth von Thüringen solch ein bleibendes Vorbild. Hierhin zog sie als blutjunge Witwe nach dem Tod ihres Mannes, mit dem sie auf der Wartburg in Eisenach gewohnt hatte. Von ihrem Zeitgenossen Franz von Assisi inspiriert und ergriffen von Jesus diente sie den Armen. Eine Gemäldegalerie in der Wartburg zeigt ihr Aktionsprogramm am Anfang des 13. Jahrhunderts. Es orientiert sich zugleich am Evangelium und an ihrem konkreten Leben. Die Themen sind bekannt. Elisabeth wird dargestellt, wie sie die
Das beeindruckte die Menschen damals. Ihr Beispiel strahlt aus, bis heute. Viele bewunderten und bewundern die „Heilige Elisabeth“. Hier in Marburg wurde direkt nach ihrem Tod eine gewaltige Kirche über ihrem Grab errichtet. Aber die eigentliche Frage ist: Tun wir das selbst? Oder stehen wir am Rand, applaudieren, kommentieren, machen Analysen und geben gute Ratschläge? Elisabeth setzte das um, was sie erkannte. Ihr Motiv war die Liebe. Die Liebe zu Jesus. Und die Liebe zu den Menschen. „Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es …“ Dieser Satz ist sicher nicht die ganze Wahrheit. Aber er enthält ein dickes Stück Wahrheit. Darum geht es. Die Gute Nachricht soll konkret werden. Es geht um den ganz konkreten Nächsten, der unsere Zuwendung braucht. Es geht um die Menschen um uns herum. Die Kinder – die Alten – unsere Nachbarn, Verwandten, Kollegen, Freunde. Und dann auch schließlich die „fernen Nächsten“. Die Armen, Bedürftigen, Unterdrückten, Entrechteten in aller Welt.
Doch es fängt hier und jetzt an. Bei uns in unserem Umfeld. In unserer Gemeinde. Die Gemeinde von Jesus kann und soll der Ort sein, wo Menschen gekleidet, ernährt, getränkt, aufgenommen und besucht werden. Gute Beispiele sind gefragt. Wir selbst könnten solche guten Beispiele sein. Beispiele dafür, dass die gute Nachricht die Armen erreicht. Das fängt in unserem Herzen an. Die Frage, die wir uns stellen sollten, die ich mir stellen sollte, ist ganz einfach: Bin ich vorrangig ein „Nehmender“? Lebe ich mit der Einstellung: Die Anderen sollen für mich da sein, meine Bedürfnisse erkennen und sich um mich kümmern. Oder bin ich im Namen von Jesus befreit, ein „Gebender“ zu sein, einer, der weitergibt, was er bekommen hat? Ein Mensch, der frei ist zum Schenken, zum Da-Sein für andere?
Gute Nachricht für die Armen verkörpern, das ist unsere Berufung. Jesus zu verkörpern, das ist unser Ruf. Das kann auch prophetische Elemente haben. Dazu gehört auch: aufzustehen gegen Unrecht – vor allem wenn es um die Wehrlosen geht. Aber dabei nicht vergessen, selbst praktisch anzupacken. Und dabei selbst etwas abzugeben. Es ist leicht, von anderen zu fordern, dass sie etwas tun und von ihrem Reichtum abgeben. Es ist viel schwerer, selbst zu geben und zu helfen. Doch das heißt es, ein Bruder von Jesus zu sein – ein Mensch, der im Namen von Jesus lebt und handelt.
Gute Nachricht für die Armen? Ja, auf jeden Fall! Ich bin so dankbar, dass ich Jesus nachfolgen kann, der mir solch eine Lebensperspektive gibt, die von Wahrheit und Liebe geprägt ist, von Weisheit und Anteilnahme. Ich möchte keinem anderen folgen als Jesus, der selbst das „Evangelium für die Armen“ verkörpert hat. Und der selbst für uns arm geworden ist:
Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet. 1. Korinther 8,9
Das ist der Jesus, dem wir folgen. Das ist sein Programm. Das ist sein erklärter Wille: die Gute Nachricht für die Armen. Sind wir dabei?
Amen.