Die Schule der Gerechtigkeit

Die Schule der Gerechtigkeit

Steffen Beck

Gründer und Leiter der ICF Karlsruhe

Psalm 11,7

Denn der HERR ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb.

EINSTIEG

Am Sunday of Hope (Sonntag für Freiheit) schauen wir über die Grenzen unseres Landes hinaus. Und wenn wir das tun, dann sind da viele Menschen an vielen Orten und in vielen Situationen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten!

Und wenn in der Bibel steht: Denn der HERR ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb. Psalm 11,7 dann hat das schon etwas zu bedeuten!

Allein in den Psalmen, in denen Gott beschrieben und angebetet wird, kommt das Wort Gerechtigkeit über 70 Mal vor!

Wenn unser Gott ein Gott der Gerechtigkeit ist und Gerechtigkeit lieb hat, dann ist Gerechtigkeit nicht etwas, das mehr oder weniger (je nach Ort) vorhanden ist, sondern etwas, das geboten ist, etwas, das unserem Gott am Herzen liegt! Er ist ein Gott der Gerechtigkeit! Aber dazu später mehr!

IST ES GERECHT, DASS …

Ich möchte einsteigen mit einigen Fragen zum Nachdenken:

  • Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt etwa 40 Prozent des weltweiten Vermögens.
  • Acht superreiche Milliardäre besitzen zusammen so viel wie die Hälfte der Menschen auf der ärmeren Hälfte der Welt.
  • Auf zehn Prozent der Reichsten verteilt sich etwa 85 Prozent des weltweiten Vermögens.
  • Auf die unteren 50 Prozent der Weltbevölkerung entfällt weniger als ein Prozent des weltweiten Vermögens.

Ist das gerecht? Und das waren jetzt mal nur die Vermögensverhältnisse. Jetzt sagst du vielleicht: „Da musst du gar nicht so ausholen!“ Es reicht, wenn wir in meine Nachbarschaft schauen. Mein Nachbar fährt einen Ferrari mit über 550 PS für ein „Schweinegeld“. Ich hingegen habe eben meinen alten Ford mit einer Reparatur durch einen Freund gerade noch vor dem wirtschaftlichen Totalschaden retten können. Ist das gerecht? Jeden Morgen höre ich den Motor dieser 550-PS-Maschine und denke mir: „Warum du und nicht ich?“ Aber um dieses Thema geht es heute nicht! Was ich eben beschrieben habe, ist nicht das Thema Gerechtigkeit. Hier geht es eher um Neid und den Umgang damit, dass mein Nachbar ein Geschäftsmann ist und ich nun mal Pastor bin.

Ich gönne meinem Nachbarn sein Auto, weil ich weiß, dass er auch hart dafür arbeitet. Und selbst wenn ich ihn geschenkt bekäme, würde ich nie einen Ferrari fahren, weil sonst einige Menschen sofort aufhören würden zu spenden.

ABER SCHAUEN WIR NOCH MAL EIN WENIG HIN!

Ist es ok und gerecht, …

  • … dass wir für unseren Kaffee weniger bezahlen, als wir eigentlich müssten, und den Preis dafür die Menschen bezahlen, die den Kaffee ernten und verkaufen?
  • … dass wir allein in Deutschland jedes Jahr 18,4 Millionen Tonnen Lebensmittel wegschmeißen und in anderen Ländern Menschen immer noch verhungern?
  • … ist es ok, dass Töchter aus armen Regionen der Welt wie Sklaven an die Sexindustrie verkauft werden und manche Politiker in Deutschland überlegen, wie man diesen Markt legalisieren könnte? Glauben wir denn wirklich, dass sich alle Prostituierten freiwillig verkaufen?
  • … wenn Kinder „versehentlich gezeugt“ werden und dann, weil eben nicht gewollt, im Mutterleib wieder getötet werden?
  • … dass wir das zwar alles wissen, aber denken, es ginge uns nichts an, weil wir ja nicht direkt beteiligt sind?

Wie weit wir uns da herausnehmen können, nur weil wir weit weg sind und wie weit wir da nicht beteiligt oder betroffen sind, zeigt folgendes Interview, das wir mit Salome, einer jungen Frau aus unserer Kirche, vor einer Woche aufgenommen haben:

REGIE Video von Salome einspielen, siehe Link im Anhang (gibt es dieses Video? Wer kann uns das sagen?)

Wir hängen da mit drin, ob wir wollen oder nicht. Und wir gestalten durch unser Leben und unser Konsumieren das Ganze hier mit. Wir haben Verantwortung, weil wir gestalten.

WAS IST GERECHTIGKEIT?

Gerechtigkeit galt in der Antike als eine von vier Haupttugenden neben Klugheit, Weisheit und Tapferkeit. Gerechtigkeit ist demnach ein Maßstab für individuelles menschliches Verhalten. Ein Mensch kann sich gerecht oder ungerecht verhalten. Und gerecht ist immer besser als ungerecht, moralisch gesehen besser.

Die Grundbedingung dafür, dass menschliches Verhalten als gerecht gilt, ist, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird. Das bedeutet Folgendes:

  • Wenn ein Mann mit 40 bei einem Unternehmen in der Metallindustrie als Mechaniker 3.100 Euro pro Monat verdient, sollte ein zweiter Mann mit 40 im gleichen Unternehmen mit der gleichen Qualifikation das Gleiche verdienen. Alles andere wäre ungerecht.
  • Wenn ein Mann aber nur 20 statt wie der andere Mann 40 Stunden pro Woche arbeitet, dann sollte er auch entsprechend weniger verdienen. Weil also der zweite Mann ungleich weniger arbeitet als der erste, muss seine Entlohnung auch entsprechend ungleich sein.

So weit, so gut. Aber was ist, wenn man jetzt das Einkommen von Menschen in Haiti mit dem von uns in Deutschland vergleicht: Haiti und Deutschland sind ja nicht gleich, sondern ungleich (da sind wir uns einig, oder?). Und was ungleich ist, muss auch ungleich behandelt werden! Dann ist es ja gerecht und ok, wenn ein Bürger in Deutschland im Durchschnitt so lange für ein Stück Brot oder eine Tankfüllung arbeiten muss:

Für ein kg Brot (3,20 €) arbeitet ein Mann … … in Deutschland 24 Minuten … in Haiti 10 Stunden und 27 Minuten

Für eine Tankfüllung (56 €) arbeitet ein Mann … … in Deutschland 7 Stunden und 59 Minuten … in Haiti 183 Stunden und 42 Minuten

Wenn ein Vater einer fünfköpfigen Familie für ein kg Brot 10,5 Stunden arbeiten muss, dann reicht das für nicht mehr, es sei denn, er arbeitet mehr als 10,5 Stunden - und das ist nicht gerecht.

Was nun? Ist Gerechtigkeit auf dieser Welt überhaupt möglich? Ist Gerechtigkeit vielleicht sogar eine Tugend, die auf Erden nie erreicht wird und deshalb allein bei Gott gesucht werden sollte, wie man es im Mittelalter gesehen hat?

DIE BIBEL ZUM THEMA GERECHTIGKEIT

Was sagt die Bibel zum Thema Gerechtigkeit und welchen Anspruch hat Gott in seinem Wort an uns diesbezüglich? Die Bibel schenkt dem Thema Gerechtigkeit gegenüber den Armen, Witwen, Waisen und Elenden sehr viel Aufmerksamkeit.

Wenn einer deiner Brüder arm ist in irgendeiner Stadt in deinem Lande, […] so sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht zuhalten gegenüber deinem armen Bruder, sondern sollst sie ihm auftun und ihm leihen, soviel er Mangel hat. 5. Mose 15,7–8

Gottes Wort fordert uns also auf, Gerechtigkeit herzustellen. Es also nicht nur grundsätzlich zu bejahen und für richtig zu halten, sondern, wenn es nicht so ist, uns auch dafür einzusetzen, dass sich das ändert. Und zwar durch den Einsatz persönlicher Mittel!

Der Gerechte weiß um die Sache der Armen, der Gottlose (= der Ungerechte) aber weiß gar nichts. Sprüche 29,7

Ein Mensch ist also nicht schon dadurch gerecht, dass er kein Unrecht tut, sondern erst dann, wenn er Recht schafft. Sich nicht um Gerechtigkeit für die Armen und Unterdrückten zu kümmern, ist aus christlicher Sicht also ein No-Go.

Gerechtigkeit wird gefordert und zwar gerade von denen, die auf der begünstigten Seite stehen (der gut verdienende Mittelstand, Unternehmer, Arbeitgeber …).

Weh dem, der sein Haus und seine Gemächer mit Unrecht baut, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und gibt ihm seinen Lohn nicht und denkt: „Wohlan, ich will mir ein großes Haus bauen und weite Gemächer“, und lässt ihm Fenster einsetzen und es mit Zedern täfeln und rot malen. Meinst du, du seist König, weil du mit Zedern prangst? Hat dein Vater nicht auch gegessen und getrunken und hielt dennoch auf Recht und Gerechtigkeit, und es ging ihm gut? Er half dem Elenden und Armen zum Recht, und es ging ihm gut. Heißt dies nicht, mich recht erkennen?, spricht der HERR. Jeremia 22,13–16

Das bisschen Luxus, das wir uns gönnen, ist an sich nicht das Problem. Nur, wenn wir uns dabei um uns selber drehen und den Rest der Welt vergessen, dann ist das ein Problem. Wenn wir uns nur noch um unsere Belange kümmern und uns nicht mehr um das Recht der Armen und Unterdrückten scheren, dann liegen wir daneben. Gegen Ungerechtigkeit haben sich Jesus, die Apostel und die Propheten erhoben. Vor allem, wenn sie dann noch von religiösen Menschen kam: Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. Matthäus 23,23

Jesus hasste es regelrecht, wenn religiöse Menschen ihre ganze Energie in die Ausübung der Religion legten und dabei das, worum es eigentlich geht, vergessen, nämlich zu lieben und Barmherzigkeit zu üben, sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen. Krass ist auch die Geschichte vom reichen Mann und vom armen Lazarus, mit der Jesus die frommen der damaligen Zeit extrem provozierte. Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war , hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Lukas 16,19–23

Jetzt wäre es falsch zu denken, alle Reichen kommen in die Hölle (weil sie reich sind) und alle Armen in den Himmel (weil sie arm sind), obwohl das Lukasevangelium einen leichten Hang zu einer Theologie der Bevorzugung der Armen aufgrund ihrer Armut hat. Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer. Einfach schon deshalb, weil sie arm sind? Was war das Problem bei der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus? Nicht die Ungleichheit der Ressourcenverteilung an sich, sondern, dass es den Reichen nicht gekümmert hat, dass der Arme vor seiner Tür lag. Und womit hat Lazarus den Himmel verdient? Wir wissen es nicht! Und darum sag ich auch nichts. Aber spannend ist das schon, oder?

Jesus ruft seine Nachfolger in der Bergpredigt dazu auf, zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit zu trachten: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles (was wir täglich brauchen) zufallen. Matthäus 6,33

Das Reich Gottes ist also keine abgehobene fromme Nummer für religiöse Spinner und andere schräge Kandidaten, sondern auch etwas

  • für bodenständische süddeutsche Bürgerinnen und Bürger.
  • für politisch und gesellschaftlich Interessierte und Engagierte.
  • für Ingenieure, die mit ihrer Arbeit einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten wollen.
  • für Unternehmerinnen und Unternehmer, die verstanden haben,

» dass Erfolg nicht das primäre Ziel sein kann, sondern nur eine Folge dessen, dass man etwas langfristig richtig gemacht hat.

» die verstanden haben, dass es als Arbeitgeber in ihrer Hand liegt, wie gerecht und sinnvoll die Menschen die 40 Stunden pro Woche erleben, in denen sie bei der Arbeit sind.

Das Reich Gottes hat in seiner Konkretion direkt mit Recht und Gerechtigkeit hier auf dieser Welt zu tun. Es ist keine abgehobene religiöse Utopie, sondern ein Stück vom Himmel hier auf der Erde! Da kann selbst der mitmachen, der nicht so religiös veranlagt ist. Zurück zur Schule des Lebens: Was lehrt uns das Leben zum Thema Gerechtigkeit? Der Badener würde es wohl so ausdrücken: „S läba isch net gerecht!“ Und er hat Recht! Das Leben ist in vielfacher Hinsicht nicht gerecht. Es passieren Dinge im Leben, die wir als nicht gerecht empfinden. Manches ist direkt von Menschen verschuldet, die Unrecht tun. Anderes ist dumm gelaufen, wie ein Unfall. Und wenn wir in Sachen Gerechtigkeit nur vom Leben geschult werden, dann entsteht meist eine recht harte Schale. Wir nehmen es hin und sagen ganz fatal: „So ischs halt!“ Manche Menschen werden auch hoch moralisch. Sie gehen hart mit allen ins Gericht und lassen nichts stehen, außer sich selbst natürlich … auch das ist kein gutes Ergebnis.

WENN GOTT UNS DURCH DAS LEBEN LEHRT …

Aber wenn Gott uns durch das Leben lehrt, dann kommt etwas anderes dabei raus. Er fordert uns heraus, das Unrecht nicht hinzunehmen, sondern es zu beseitigen. Aber nicht durch Lamentieren und moralisches Kommentieren, sondern durch den persönlichen Einsatz deines Lebens und deiner Ressourcen.

Das sind dann die Menschen, die nicht nach dem Staat rufen, wenn etwas nicht rund läuft, sondern das in die Hand nehmen, was sie haben und anfangen, die Not zu lindern. Das sind die, die sich nicht lange fragen, ob es denn dafür keine Versicherungen gegeben hätte ( zum Beispiel eine Hausratversicherung), sondern anfangen zu überlegen, welche Möbel sie entbehren können, um sie der Familie zu schenken, bei der es gebrannt hat.

Die Welt kann niemand allein retten! Aber im Leben eines Obdachlosen aus Bulgarien macht es eben einen Unterschied, dass es Werke wie SHELTER gibt, die sich kümmern. Die Welt kann niemand allein retten. Aber für die Millionen Menschen, die heute noch in Sklaverei leben müssen, macht es einen gewaltigen Unterschied, dass es Organisationen wie International Justice Mission gibt, die sie befreien und in ein neues Leben in Freiheit und Würde begleiten.

Und das ist es, was die Bibel das Reich Gottes nennt: Wo Menschen im Namen von Jesus aus christlicher Nächstenliebe motiviert denen dienen, die Hilfe brauchen und sich nach Gerechtigkeit sehnen, da ist er mittendrin.

Da geht Jesus so weit, dass er einmal sagte: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Matthäus 25,45

Aber es ist halt auch andersherum, er sagt auch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Matthäus 25,40

So einfach ist das …

just this — JUSTICE — just do it

Amen.

Die Predigt im Podcast auf YouTube. (Video- & Bildrechte: ICF Karlsruhe)

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