Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit

Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit

Ekkehart Vetter

Erster Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz; Präsens des Mühlheimer Verbands Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden

Jesaja 11,1

Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. 2 Der Geist des HERRN ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. 3 Und er hat sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN. Er richtet nicht nach dem Augenschein und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht, 4 sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt das Land mit dem Stock seines Mundes und tötet den Frevler mit dem Hauch seiner Lippen. 5 Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften und die Treue der Gürtel um seine Lenden. 6 Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. 7 Kuh und Bärin nähren sich zusammen, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. 8 Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus. 9 Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN, so wie die Wasser das Meer bedecken. (EÜ)

TRÄUME

Haben Sie Zukunftsträume? Träume, in denen alles besser ist, viel besser als die aktuelle Realität Ihres Lebens und als die aktuelle Realität dieser Welt? Wir leiden unter manchen real existierenden Lebensbedingungen und malen uns eine Zukunft aus, die so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was unser Leben hier schwer macht. Manche solcher Zukunftsträume sind Luftschlösser – Bilder einer idealen Zukunft ohne jeden Realitätsbezug, Seifenblasen, die bei dem kleinsten Luftzug der Lebenswirklichkeiten zerplatzen. Das Volk Israel litt auch unter vielen notvollen Dingen im Laufe seiner Geschichte: Sklaverei in Ägypten, eine zermürbende, nicht enden wollende Wüstenwanderung, Hunger und Durst, kriegerische Auseinandersetzungen. Aber auch manche selbst eingebrockte Suppe, eigenmächtiges Handeln gegen den Willen Gottes und die daraus folgenden Konsequenzen machten ihnen das Leben schwer.

DER PROPHET JESAJA

Und mitten in diese Mixtur aus eigen- und fremdverschuldeten Problemen, die das Leben des Volkes mühsam und notvoll machten, sendet Gott Propheten. Menschen, die durch ihren heißen Draht zu Gott das weitergeben konnten, was Gott für sein Volk vorgesehen hat, in Gegenwart und Zukunft. Jesaja war einer von ihnen. Er beschreibt das Kommen des Gesandten Gottes, des Erlösers, des Messias. Ganz unscheinbar wie ein kleiner Zweig aus einem Baumstumpf wächst er, aber weil Gott mit ihm ist, bringt er viel Frucht und garantiert eine faszinierende Zukunft für die in der Gegenwart oft so geplagten Menschen.

ZUKUNFTSVISIONEN

Unglaubliche Bilder, oder? Jesaja beschreibt das kommende Friedensreich Gottes. Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie (Jesaja 11,6). Wunderschöne Friedensvisionen für das in Zukunft endgültig aufgerichtete Reich Gottes, aber es beginnt bereits klein und anfangshaft hier und jetzt, und alle Bürger des Reiches Gottes sind darum hier und heute aufgefordert, im Sinne dieser Zukunftsvision bereits jetzt zu beten und zu arbeiten. Es kommt der Tag, das entfaltet dieser Traum einer wunderbaren Zukunft, da ist die Welt nicht mehr die Welt, die wir kennen: die Welt, in der das Gesetz des Stärkeren herrscht, die Welt, in der die Starken über die Schwachen triumphieren, in der die Mächtigen die Freiheit der ihnen Untergebenen einschränken. Vielmehr ist der Wolf beim Lamm, Löwe und Kalb grasen miteinander. Und die wilden Tiere, die sonst Beute reißen, sind jetzt bei den klassisch schwachen Repräsentanten des Tierreichs zu Gast. Und Hirte für diese unglaubliche Herde ist ein Kind. Wunderschöne Bilder. Das in der Zukunft prophezeite Friedensreich Gottes hatte in der Beschreibung solche Zukunftstraumelemente. Menschen werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen und werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden (Jesaja 2,4; Joel 4,10; Micha 4,3). Nichts in der geschichtlichen Wirklichkeit des Volkes Israel hatte zur Zeit der Propheten die geringste Ähnlichkeit mit diesem irren, schönen Traum. Die Assyrer und Babylonier und später die Griechen und Römer hatten weltpolitisch das Sagen und die entsprechenden Streitmächte. Und doch hat diese Prophetie das jüdische Denken nie mehr losgelassen.

EIN TRAUM

2018 jährte sich der Todestag des schwarzen amerikanischen Baptistenpastors und Bürgerrechtlers Martin Luther King zum 50. Mal. Zum 55. Mal wurde an den Marsch auf Washington erinnert. Bei dieser Demonstration hielt Martin Luther King seine berühmteste Rede vor etwa einer Viertelmillion Menschen. I have a dream – wohl kaum eine Rede aus den letzten Jahrzehnten hat eine solche Berühmtheit erlangt. Übersetzt ins Deutsche rief King seinen Zuhörern zu:

Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind gleich erschaffen.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und in der Hitze der Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird.

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.

Ich habe heute einen Traum!

Wenn wir die Freiheit erschallen lassen (…), dann werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes – schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken – sich die Hände reichen und die Worte (…) singen können: „Endlich frei! Endlich frei! Großer allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!“

Martin Luther King bekam für sein Wirken den Friedensnobelpreis und wurde fünf Jahre nach seiner Rede von einem Rassisten ermordet. Der Mann und seine Rede wurden zu einer nationalen und internationalen Berühmtheit. Der Martin- Luther-King-Tag ist heute ein Feiertag in den USA, im ganzen Land stehen Denkmäler und Statuen, die an den Prediger und seinen Traum erinnern. Ein Traum, wie ihn Martin Luther King entfaltet hat, ist eine faszinierende, wenn auch zu seinen Lebzeiten noch unrealistische Wunschvorstellung. Aber seine visionären Inhalte sind so überzeugend, dass man innerlich zustimmen muss, selbst wenn diese Vision nicht von heute auf morgen umzusetzen ist. In diesem Sinne erträumt sich das Volk Gottes eine neue wunderbare Zukunft im verheißenen Land.

Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! Psalm 126,1–2

DEN TRAUM LEBEN

Versuchen wir einen Sprung in die Gegenwart und nehmen eine etwas ungewohnte Perspektive ein. Es gibt vieles, was nach wie vor in unseren Breitengraden nicht gut ist. Wir exportieren Waffen in rauen Mengen und das Kriegführen lernen wir nach wie vor. Und trotzdem: Erleben wir nicht dennoch einen kleinen Vorgeschmack des Traumes der Propheten heute in den westlichen Demokratien? Noch nie haben zwei demokratische Länder das Schwert gegeneinander erhoben. In Westeuropa sind mittlerweile mehrere Generationen herangewachsen, die nicht mehr aus eigenem Erleben wissen, was das ist: Krieg. Das egoistische Vaterlandspathos früherer Jahrzehnte ist einem, wenn auch noch brüchigen, europäischen Gedanken gewichen. 2019 jährt sich zum 74. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. Träume haben Kraft. Schwerter zu Pflugscharen – komplett erfüllen wird sich dies im kommenden Friedensreich Gottes, aber hier und heute davon zu träumen und dafür zu beten und zu arbeiten, macht Christen zu glaubwürdigen Wegweisern zu diesem Friedensreich.

In Deutschland hat sich vor drei Jahrzehnten auch ein Traum verwirklicht. Die Mauer in Berlin fiel und unser Land wurde wiedervereinigt. Ich bin alt genug, um zu wissen, dass kaum jemand im Westen dies Mitte der 80er Jahre, ja noch wenige Monate oder gar Wochen vor dem 9. November 1989 für möglich hielt. Aber die Menschen träumten von der Freiheit, auch wenn sie heute und morgen nicht erreichbar erschien. Sie sangen „We shall overcome“ und „We walk hand in hand“ und „We will live in peace“ in den Kirchen und mit Liedern wie diesen auf den Lippen bildeten sich die Montagsdemonstrationszüge. Die wachsende Vision, der einst so ferne Traum von Einheit, kam immer näher, und was die meisten Westdeutschen nicht für möglich hielten, ereignete sich vor unseren Augen. Realpolitik ist niemals Motivation für eine solche Entwicklung, sondern ein Traum, in diesem Fall von deutscher Einheit und dem Leben in Freiheit, mag er auch anfangs noch so unrealistisch erscheinen. Aber er wuchs auf dem Nährboden der Friedensgebete.

SEHNSUCHT

So dankbar wir für solche Entwicklungen sein können, so sehr sehen wir, wie geschunden unser Globus und die auf ihm lebenden Menschen an vielen Stellen dieser Erde nach wie vor sind. Wann werden versklavte Menschen endlich Freiheit erleben? Wann werden durch Kriege geschundene Kinder endlich ohne Angst vor Waffengewalt aufwachsen? Wann werden ausgebeutete Völker endlich angemessen für die von ihnen geförderten Rohstoffe entlohnt werden?

Im Traum von Frieden und Freiheit ist beides oft zunächst nicht mehr als ein ferner Sehnsuchtsort, irgendwie unerreichbar und doch herbeigesehnt und herbeigebetet. Die Bibel nährt diesen Traum an so vielen Stellen und ermutigt zum entsprechenden Handeln jetzt und hier: Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Insofern ist dieser Traum kein unrealistisches Hirngespinst, sondern die Wirklichkeit des Reiches Gottes, die zeichenhaft und wegweisend in das Hier und Heute herbeigesehnt wird.

Der Garant, dass dieser Zukunftstraum keine zerplatzende Seifenblase ist, ist der Gesandte Gottes, der Messias, Jesus Christus selbst:

Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze. Lukas 4,18

Wer ihm nachfolgt, wird schon hier und heute für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit eintreten und im Sinne von ora et labora dafür als ein glaubwürdiger Zeuge Jesu Christi beten und arbeiten.

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