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Über IJM
"Im Sommer vor zwei Jahren war ich noch ein Mädchen voller Träume. Ich hatte eine große Familie und viele Freunde in Kocho – jenem Dorf, das heute nicht mehr existiert. Wie andere Mädchen meines Alters freute ich mich auf die Zukunft, lernte mit Neugier in der Schule, schätzte schöne Kleider, lachte viel und hatte die Hoffnung auf ein gutes Leben.
Die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates, haben mein Dorf, meine Familie und auch meine Träume zerstört. Die Terroristen haben unsere Familien auseinandergerissen, viele ermordet – vor allem die Männer – und uns Frauen und Kinder behandelt, als wären wir keine Menschen, als hätten wir keinen Wert.
Sie haben das alleine aus dem Grund gemacht, weil wir Eziden in ihren Augen „Ungläubige“ sind. Sie wollten uns vernichten. Sie verübten einen Völkermord. Manchmal habe ich gedacht, dass sie auch mich zerstört haben. Und manchmal habe ich Gott gefragt, warum Er mich nicht auch sterben ließ wie meine Mutter und meine Brüder.“
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Geschwister,
diese Worte stammen von Nadia Murad, einer jungen Ezidin, die den Völkermord an ihrer religiösen Gemeinschaft durch den sogenannten „Islamischen Staat“ 2014 im Nordirak überlebt hat. Über ein humanitäres Sonderkontingent wurde Nadia Murad 2015 mit über 1.100 weiteren Überlebenden nach Baden-Württemberg gebracht. Hier fand sie Schutz und Hilfe. Hier konnte sie neue Hoffnung schöpfen und ihre Stimme erheben gegen das unermessliche Leid, das ihr und ihrer Gemeinschaft widerfahren ist.
Es ist mir Ehre und Freude, mit Ihnen anlässlich des diesjährigen „Sonntag für Freiheit“ der International Justice for Mission einige Gedanken teilen zu dürfen. Ich bin dankbar, dass es Organisationen wie die International Justice for Mission gibt. In über 14 Ländern weltweit ist diese NGO aktiv, konnte bereits Zehntausende Menschen aus der Sklaverei befreien und in der juristischen Aufarbeitung dieser Verbrechen aktiv mithelfen. So wurden schon über 4.600 Täter verurteilt, u.a. dank der Mithilfe der International Justice for Mission.
Um auf die noch immer furchtbaren Zustände der Sklaverei aufmerksam zu machen, führte die International Justice for Mission den „Sonntag für Freiheit“ ein. Und dass ich in diesem Jahr dazu einen Beitrag liefern darf, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit.
Denn ich habe mit eigenen Augen erlebt, wie verheerend auch heute noch, im 21. Jahrhundert, Menschen überall auf der Welt durch Sklaverei, Verfolgung und Vertreibung ihrer Lebens- und Entwicklungschancen beraubt werden.
Ich habe gesehen, wie die Klimakrise ganze Landstriche unbewohnbar macht, Menschen ihrer angestammten Heimat beraubt, blutige Konflikte um Süßwasser, Nahrungsmittel und Energie befeuert werden.
Aber ich habe auch erlebt, wie insbesondere Frauen, die der Sklaverei entkommen sind, ihre Stimme erheben gegen jede Form von Gewalt, Hass und Terror.
Im Jahr 2014 trat eine Terrororganisation in Erscheinung, die sich als sog. „Islamischer Staat“ bezeichnete. Im Norden des Irak konnte sie die Millionenstadt Mossul unter ihre Kontrolle bringen und weitläufige Gebiete des Zwei-Strom-Landes. Die Kämpfer des „IS“ überfielen am 3. August 2014 die Siedlungsgebiete in der Sindschar-Gebirgsregion im Nordirak nahe an der syrischen Grenze, darunter auch das Dorf Kocho, der Heimat von Nadia Murad.
Mit schwerer Artillerie beschossen sie die Dörfer, ermordeten über 5.000 ezidische Männer, vergewaltigten und verschleppten über 7.000 Frauen und Kinder und nahmen sie in Gefangenschaft. Über 2.000 dieser gefangenen Menschen sind bis heute – nach über acht Jahren in sexueller Ausbeutung, Sklaverei und Folter - nicht befreit
Auf ihr Schicksal möchte ich an diesem Sonntag für Freiheit besonders aufmerksam machen und Sie um einen kurzen Moment des stillen Gebets bitten.
- Kurzer Moment der Stille und des Gebets -
Über 400.000 Menschen wurden aus ihrer Heimatregion vertrieben. Noch immer leben viele von ihnen unter widrigsten Umständen in überfüllten Flüchtlingscamps in der Region Dohuk und können aufgrund zerstörter Gebäude und Infrastruktur, aber auch aufgrund einer nach wie vor fragilen Sicherheitslage nicht in ihre Städte und Dörfer zurückkehren.
Im Sommer 2014 verbreiteten sich überall auf der Welt die Bilder von Menschenmassen, die in der glühenden August-Hitze des Nordiraks entkräftet und erschöpft auf Hilfe warteten und um ihr Überleben beteten.
Diese Bilder erreichten auch die baden-württembergische Landesregierung. Anfang September 2014 trafen sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und sein damaliger Staatsminister Klaus-Peter Murawski mit dem Zentralrat der Eziden in Berlin. Die fürchterlichen Bilder von Verfolgung und Ermordung führten zu dem kurzfristigen, überparteilichen Beschluss Baden-Württembergs, ein humanitäres Sonderkontingent zur Rettung von Überlebenden durchzuführen.
Es war einer der eindrücklichsten Tage meines Lebens, als mich Ministerpräsident Kretschmann 2014 am Tag vor Weihnachten fragte, ob ich die Leitung für das
Sonderkontingent übernehme würde. Nach einem Gespräch mit meiner Familie stimmte ich zu und es begann die härteste – aber zugleich sinnvollste – Zeit meines Lebens.
In kürzester Zeit erarbeiteten wir die rechtlichen und organisatorischen Grundlagen, um über 1.100 besonders betroffene Menschen, vor allem Frauen und Kinder ezidischen Glaubens, in mehreren Aufnahmemissionen nach Baden-Württemberg zu holen.
Hier in Baden-Württemberg fanden sie Aufnahme in verschiedenen Städten und Gemeinden.
Von Beginn an konnten wir uns auf eine beispiellose Solidarität von Ärztinnen, Ehrenamtlichen und Hilfsorganisationen verlassen, die diesen von Verfolgung und Tod gekennzeichneten Menschen ihre Hand reichten
Viele auch wohlmeinende Menschen fanden es zu gefährlich, dass deutsche Staatsbedienstete in ein Kriegsgebiet fahren, um von dort aus Verfolgte in Sicherheit zu bringen. Das deutsche Aufnahmegesetz sah diese Möglichkeit zwar vor, doch es war noch nie probiert worden.
Aber nach unseren ersten Reisen in den Irak begriffen wir sehr schnell: Genau diese Frauen und Kinder, die oft durch die Hölle gegangen waren und schlimmste Gewalt gesehen oder erlitten hatten, würden es nicht alleine über die Balkanroute bis nach Mitteleuropa schaffen. Wer also nur Menschen an den deutschen Grenzen aufzunehmen bereit war, gab genau diese besonders Schutzbedürftigen auf, die oft auch materiell alles verloren hatten – und keine Schlepper würden bezahlen können. Selbst in den Flüchtlingslagern waren die Menschen, die etwa Väter und Brüder verloren hatten sowie um Entführte bangten, in einer besonders
schwachen Position.
Deshalb ist das Sonderkontingent ein beeindruckendes Beispiel für eine humanitäre Aufnahmepolitik, die sich an die Schwächsten richtet. Das Projekt erfuhr internationale Anerkennung. Kanada, Frankreich und Australien initiierten ähnliche Aufnahmeprogramme nach diesem Beispiel.
Darauf einigten wir uns im Sonderkontingent-Team auf eine gemeinsame Antwort:
„Ja, das stimmt. Wir können nicht allen helfen. Aber dieser Frau, diesem Mädchen, diesem Jungen – können wir helfen. Und jedes Leben zählt.“
Oder wie es uns der Talmud lehrt: „Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten.“
Für mich zeigt diese Erfahrung: Es ist so Vieles möglich, wenn wir den Willen dafür aufbringen, unser Anliegen im Blick behalten und gegebene Umstände als veränderbar und damit überwindbar ansehen. Und Sie alle möchte ich mit diesem Beispiel ermutigen:
Behalten Sie ihre Anliegen im Blick.
Lassen Sie sich nicht von Bedenkenträgern oder Angstmachern unterkriegen.
Kämpfen Sie jeden Tag genau an dem Ort, an den sie gestellt sind und in der Funktion, die ihnen anvertraut ist, für Ihre Überzeugungen.
Denn die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind gewaltig.
Noch vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine habe ich die Hitzemord-These formuliert.
Die Hitzemord-These besagt, dass die Klimakrise seit Beginn des 21. Jahrhunderts bereits den gesamten Nahen und Mittleren Osten, ja ganz Afrika, Mesoamerika sowie den eurasischen Gürtel zwischen Marokko und China zerstört. Temperaturen steigen, Wasser wird knapp, Landwirtschaft, Stromnetze und schließlich Staaten brechen zusammen. Menschen fliehen, denn Jahr für Jahr werden weitere Regionen faktisch unbewohnbar. Und so kämpfen ethnische und religiöse Gruppen im Ringen ums Überleben gegeneinander und legitimieren Gewalt, Vertreibungen und auch Genozide durch Verschwörungsmythen.
Der Genozid an den Ezidinnen und Eziden ist damit kein isolierter „Einzelfall“ – und vor allem noch lange nicht beendet. Syrien ist nach Jahren der Dürre in einem blutigen Bürgerkrieg versunken. Im Iran ist der Karun als einziger, schiffbarer Fluss bereits ausgetrocknet, ganze Regionen dursten, Proteste werden mit Gewalt niedergeschlagen. Die Hauptstadt des Irak, Bagdad, verendet in Hitze und Gewalt. Der Jemen versinkt in Dürre und einem Stellvertreterkrieg. Afghanistan wurde nach dem Abzug der westlichen Truppen von den Taliban überrannt, die seit ihrer Machtübernahme sanfte gesellschaftliche Fortschritte zurückdrehen, Frauen unterdrücken und das Land in Geiselhaft nehmen. In Algerien, Ägypten, Libanon, im Gaza-Streifen und auch in Tunesien sind demokratische Prozesse gescheitert. Iran und Saudi-Arabien, schiitische, teilweise auch russische Milizen sowie sunnitische Muslimbrüder zerfleischen die islamisch geprägte Welt in verzweifelten Ressourcen- und Stellvertreterkriegen vom Jemen bis nach Libyen.
Und auch die Sicherheit und demokratische Verfassung der letzten Demokratie in der Region, Israel, wird von innen und außen – etwa durch die antisemitischen Regime der Hisbollah / des Iran, durch die Hamas und die sie unterstützende BDS-Boykott-Bewegung – angegriffen.
Aber auch in Europa waren die Entwicklungen schon vor dem 24. Februar 2022, an dem Wladimir Putin begonnen hat, unsere Friedensordnung willkürlich zu zerbomben und Tausende Menschenleben zu zerstören, ebenfalls besorgniserregend.
Schon jetzt drängen sich über vier Millionen Flüchtlinge aus dem eurasischen Gürtel alleine in der Türkischen Republik, die ebenfalls durch Verschwörungsmythen, Korruption und Brände am Abgrund steht. Auch Griechenland, Italien, selbst Kroatien wurden im vergangenen Sommer von eskalierenden Waldbränden heimgesucht. Und uns allen sind die Bilder noch präsent, als im Sommer 2021 Teile von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz von einer Flutwelle heimgesucht wurde, die 180 Menschen das Leben kostete. Auch unsere Demokratie ist durch autoritäre Strömungen und verschwörungsgläubige Scharfmacher von außen und
innen bedroht:
Liebe Geschwister, das sind bittere Erkenntnisse.
Aber ich bin mir sicher, dass gerade Sie als Christinnen und Christen, die wir den Glauben an einen menschenfreundlichen Gott teilen, der uns seine Schöpfung anvertraut und uns zur Freiheit berufen hat, mit diesen unbequemen Tatsachen umgehen können.
Zunächst müssen wir uns mit allen Menschen auf dieser einen Welt solidarisieren. Wir sitzen alle in der einen und einzigen Arche.
Die Zeiten müssen ein für alle Mal vorbei sein, in denen wir in den reichen Ländern billige fossile Energie, wichtige Rohstoffe und ausbeuterische Zustände gewissenlos verdrängen, um unseren Konsum und Wohlstand über ein vernünftiges Maß hinaus zu steigern.
Lassen Sie mich deshalb einen kurzen Freiheitsgedanken passend zu diesem Sonntag einbringen.
Wir sind von Gott zur Freiheit berufen. Und Gott meint es ernst mit unserer Freiheit, denn er hat uns auch die Freiheit gegeben, das Böse zu tun und das Gute zu unterlassen.
In unseren Tagen meint eine verantwortete Freiheit deshalb gerade nicht, mit grenzenloser Geschwindigkeit über Autobahnen zu rasen oder sich trotz klarer wissenschaftlicher Fakten gegen medizinische Schutzmaßnahmen zu stemmen.
Freiheit bedeutet für uns vor allem, die Lebens- und Entwicklungschancen jener im Blick zu haben und zu verbessern, deren Lebenschancen stark beeinträchtigt sind.
Damit meine ich die ezidische Frau, die auch nach acht Jahren noch nicht aus Sklaverei und IS-Gefangenschaft befreit ist.
Damit meine ich den afrikanischen Landwirt, dessen wirtschaftliches Einkommen wir durch subventionierte EU-Agrarexporte zerstören.
Damit meine ich die Tochter eine alleinerziehenden Mutter in Deutschland, deren Aufstiegschancen nachweislich schlechter sind als die ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler, weil das Geld für die Nachhilfe fehlt oder die Mutter aufgrund mehrerer Jobs weniger Zeit für ihre Liebsten hat.
wenn wir diesen nach Freiheit und Lebenschancen hungernden Menschen durch konkrete Taten und kleine Schritte helfen, dann erfüllen wir den Auftrag Jesu, der uns im Matthäus Evangelium aufruft: „Gebt ihr ihnen zu essen.“ (Mt 14,16)
Abschließen möchte ich mit jener Stimme, die Sie zu Beginn gehört haben: der Stimme von Nadia Murad. Sie erhielt 2018 als erste und einzige Irakerin und Ezidin für ihren Einsatz den Friedensnobelpreis. Bei jener Rede im Landtag, die ich eingangs zitierte und die sie am 1. Dezember 2016 hielt, sagte sie weiter:
„Doch heute stehe ich hier und spreche zu Ihnen als Frau, die der IS nicht zerstören konnte, die überlebt hat. Und ich bin nicht alleine: Es gibt viele von uns (…). Wir sagen: Nicht wir haben unsere Ehre verloren, sondern nur der IS und deren Freunde haben ihre Ehre verloren. Und wir beten täglich, dass noch mehr von uns aus den schmutzigen Händen der Terroristen befreit werden können.
Wir glauben, dass wir auch deswegen überlebt haben, um der Welt von den Verbrechen des IS zu berichten, um die Welt um Hilfe zu bitten, und um dafür einzutreten, dass die Täter vor internationale Gerichte gestellt werden.“
Liebe Geschwister,
im vergangenen Jahr wurden in Frankfurt und München die ersten IS-Täterinnen und Täter zu langjährigen Haftstrafen wegen des Völkermords an den Eziden verurteilt. Der Einsatz von Nadia Murad und so vielen anderen ist also nicht vergebens.
Ich wünsche Ihnen und uns an diesem Sonntag für Freiheit, dass wir uns inspirieren lassen von dem Mut von Nadia Murad.
Lassen wir uns inspirieren von der Spiritualität des Ezidentums, das die Engel besonders ehrt und im Konzert der Religionen unserer Erde nicht verstummen sollte.
Lassen wir uns inspirieren von den Frauen, Männern und Kindern überall auf der Welt, die trotz Sklaverei, Verfolgung, Hass und Terror nicht aufgeben. Die leben wollen. Die lernen wollen.
Nadia Murads Familie hat die mörderische Gewalt, den Terror unseres Jahrhunderts erlebt. Ihre Jugend wurde durch Fanatiker beendet. Doch sie war – ist – stärker als sie.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Stärke dieser jungen Frau entdecken. Eine Stärke, die größer ist als jeder Terror.